OMV-Hauptversammlung von Protesten begleitet / Aktionäre stimmen über Entlastung von Seele ab - OMV-Chef Stern verteidigte Russland-Politik unter seinem Vorgänger - Diskussion um Borealis
31.05.2023 16:16:00
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AKTUALISIERUNGS-HINWEIS
Neu: Weitere Details, Wortmeldungen von Aktionärsvertretern
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Aktivisten haben unter Buh- und "Raus"-Rufen anderer
Aktionäre den Beginn der OMV-Hauptversammlung am Mittwoch für
mehrere Minuten gestört. Sie kritisierten, dass die OMV im Vorjahr
5,2 Mrd. Euro Gewinn schrieb, während sich viele Menschen das Heizen
nicht mehr leisten könnten und forderten den Ausstieg aus Öl und
Gas. Aufsichtsratschef Mark Garrett verwies auf die Redezeit, die
jedem Aktionär zusteht. Bei der zweiten Störung wurden die jungen
Menschen des Saals verwiesen.
	
Für Garrett ist es die letzte Hauptversammlung als OMV-Aufsichtsratspräsident. Statt ihm wird der 66-jährige Deutsche Lutz Feldmann in den Aufsichtsrat gewählt und Garret als Aufsichtsratsvorsitzender nachfolgen.
Die anwesenden Aktionäre nahmen die OMV trotz der Milliardengewinne im Vorjahr und der vorgeschlagenen, mehr als verdoppelten, Rekorddividende von 5,05 Euro pro Aktie kritisch unter die Lupe. Florian Beckermann vom Interessenverband für Anleger (IVA) sieht zumindest bei der Klimatransformation Fortschritte. Die OMV sei nach dem Abgang der "Ölmänner" Seele und Pleininger deutlich glaubwürdiger.
OMV-Chef Alfred Stern erklärte in der HV, dass sich die Elektrifizierung der Industrie und im Verkehr beschleunige und dies die Nachfrage nach Öl insbesondere in der EU und den Industriestaaten dämpfen werde. Die OMV habe den Weg zu einem nachhaltig profitablen Geschäftsmodell begonnen und es gebe kein Zurück mehr. Der Konzern setzt unter anderem auf das Heizen mit Geothermie anstelle von Erdgas.
Die OMV-Aktionäre stimmen am Mittwoch auch darüber ab, ob sie Ex-Vorstandschef Rainer Seele die Entlastung erteilen. Die Stimmen der beiden Kernaktionäre - der Staatsholding ÖBAG und des staatlichen Ölkonzerns von Abu Dhabi ADNOC - reichen dafür aus. Im Vorjahr war Seele das Misstrauen ausgesprochen worden. Nach einer Sonderprüfung, die kein "einklagbares Fehlverhalten" ergab, empfahl der Aufsichtsrat aber die Entlastung.
Seele wird unter anderem vorgeworfen, mehrfach gegen die Compliance-Regeln des Konzerns verstoßen sowie die OMV zu sehr an Russland gebunden zu haben. Stern verteidigte Seeles strategische Weichenstellungen. Er sein "kein Fan davon, den Rainer Seele jetzt dafür zu verurteilen, dass er das gemacht hat. Weil zu dem Zeitpunkt waren das betriebswirtschaftlich gesehen vernünftige Entscheidungen." Diese Entscheidungen habe Seele auch nicht alleine getroffen. "Im Nachhinein muss man sagen: Wir haben das geopolitische Risiko dort massiv unterschätzt", sagte Stern in einem APA-Interview im Vorfeld der HV.
Für Beckermann ist die Affäre um Seele noch nicht erledigt. "Meine Damen und Herren, wenn jetzt entlastet wird, heißt das: Bei diesem Syndikat kommt man mit Compliance-Verstößen davon", so Beckermann in seiner Wortmeldung. Es sei ein schlechtes Sittenbild für die Syndikatspartner, die Staatsholding ÖBAG und ADNOC.
Schon zuvor hatten die internationalen Stimmrechtsberater von Institutional Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis (GL) empfohlen, Seele weiter die Entlastung zu verweigern.
Seele, der Mitte 2021 ausschied, erhielt 2022 laut OMV-Geschäftsbericht noch 4,8 Mio. Euro, mehr als doppelt wie sein Nachfolger Stern, der 2,1 Mio. Euro verdiente. Ein Aktionär schlug deshalb vor, Seele solle freiwillig die Bezüge des Vorjahres zurückzahlen, dann könne auch die Entlastung erfolgen.
Stern trat im APA-Interview indirekt auch Gerüchten entgegen, ADNOC - beraten von Seele - wolle bei der Borealis wieder aufstocken. Für die Transformation und die Wachstumsambitionen "ist die Borealis heute und wird weiterhin eine tragende Säule sein", so Stern, ohne die Spekulationen konkret zu kommentieren. Auch Beckermann meinte, es wäre paradox, würde die OMV drei Jahre nach der Aufstockung wieder Anteile abgeben.
Die Gerüchte um die Borealis sorgten auch bei vielen Kleinaktionären für Unruhe. Sie fürchteten um die Petrochemietochter, die ein Herzstück des künftigen OMV-Geschäftsmodells sein soll. Ebenso kritisch gesehen wird, dass Ex-Vorstand Johann Pleininger, fünf Monate nach seinem Ausscheiden bei der OMV, Chef beim staatlichen Ölkonzern Tatweer in Bahrain wurde, wo auch Seele im Aufsichtsrat sitzt. Befürchtet wird, Seele und Pleininger könnten bei Tatweer und Adnoc dank Insiderwissen nun Druck auf Borealis und OMV ausüben.
Auch von politischer Seite kamen am Mittwoch Wortmeldungen dazu. Die Grünen erklärten, ein neuerlicher Borealis-Deal mit Abu Dhabi würde den Umbau der OMV ausbremsen und wäre der "Ausverkauf der Zukunftsperspektive".
Die erste Präsenz-Hauptversammlung der OMV seit der Coronapandemie fand in der Messe Wien unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Für einen störungsfreien Ablauf der HV hatte die OMV Sicherheits- und Taschenkontrollen angeordnet. Vor dem Messegelände fand eine Kundgebung mehrerer Nichtregierungsorganisationen (NGO) statt. Attac, Jugendrat und System Change not Climate Change demonstrierten gegen die Geschäfte der OMV. Greenpeace verteilte als OMV-Infomaterial getarnte Flyer, mit kritischen Fragen, die die Aktionäre auf der HV stellen sollten.
Die OMV stieß 2022 laut ihrem Nachhaltigkeitsbericht 10,9 Mio. Tonnen Kohlendioxid (CO2) und 20.000 Tonnen Methan (CH4) aus und zählt damit neben der voestalpine und der Wien Energie zu Österreichs größten CO2-Emittenten. Rechnet man die Treibhausgasemissionen dazu, an denen die OMV indirekt beteiligt ist - etwa beim Verbrennen von Diesel und Benzin in Autos oder Kerosin in Triebwerken -, beliefen sich die Emissionen 2022 auf 132,8 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente.
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