| ROUNDUP 2/Korruptionsskandal: Selenskyjs Bürochef tritt zurück |
| 28.11.2025 17:23:00 |
In der Ukraine ist der Leiter des Präsidentenbüros,
Andrij Jermak, nach Durchsuchungen von Anti-Korruptionsermittlern in
seiner Wohnung zurückgetreten. Jermak habe eine Rücktrittserklärung
unterzeichnet, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer
Videobotschaft. Der Staatschef dankte Jermak und kündigte einen
Umbau des Präsidentenbüros an. "Ich möchte, dass es keine Gerüchte
oder Spekulationen gibt", unterstrich der Staatschef. Am Samstag
werde er Gespräche mit potenziellen Nachfolgern führen.
Bis zur Bekanntgabe des Rücktritts hatte Selenskyj zu den jüngsten
Entwicklungen in dem Skandal geschwiegen, deshalb gab es den Freitag
über Kritik an seinem Zögern. Das Land, das sich seit mehr als
dreieinhalb Jahren gegen den russischen Angriffskrieg wehrt, wird
seit Wochen von einem Schmiergeldskandal erschüttert, der bis in die
Staatsführung reicht.
Jermak war Selenskyjs wichtigster Mann in Kiew
Jermak leitete das Präsidentenbüro seit dem Februar 2020 und galt
bisher als der zweitmächtigste Mann in der Ukraine. Sein erzwungener
Abgang wird von Beobachtern auch als harter Schlag für Selenskyj
gewertet, dem ein langjähriger Vertrauter abhandengekommen ist. Auch
die Loyalität der Parlamentsfraktion, auf der die Macht von
Selenskyj in der parlamentarisch-präsidialen Republik beruht, könnte
nun infrage gestellt sein.
Selenskyj warnte in seiner Videobotschaft vor Druck von außen und
Streit innerhalb der Ukraine. "Wenn wir unsere Einheit verlieren,
dann riskieren wir alles zu verlieren. Uns selbst, die Ukraine,
unsere Zukunft", sagte er.
Noch keine Details zu Ermittlungen
Das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte
Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) hatten am frühen Morgen über
eine Razzia in der Wohnung von Jermak informiert. Der 54-Jährige
gilt als rechte Hand Selenskyjs und einflussreicher Strippenzieher.
Er selbst bestätigte die Ermittlungen gegen ihn in seinem
Telegramkanal.
NABU und SAP machten zunächst keine Angaben zum Anlass der
Ermittlungen. "Details folgen später", hieß es in einer Mitteilung.
Fotos auf dem Internetportal "Ukrajinska Prawda" zeigten, wie zehn
Mitarbeiter von NABU und SAP ins kriegsbedingt schwer zugängliche
Regierungsviertel gelangten.
Zentrale Figur bei Friedensverhandlungen
Jermak war bisher die zentrale Figur bei den laufenden Verhandlungen
mit den US-Amerikanern um ein Ende des russischen Angriffskrieges
gegen die Ukraine gewesen. Er führte das ukrainische
Verhandlungsteam an. Seine Ernennung als Delegationsleiter hatte in
der vergangenen Woche Erstaunen bei politischen Beobachtern in Kiew
ausgelöst, weil er in dem Korruptionsskandal wie Selenskyj in
Erklärungsnot geraten war. Unklar ist, wer diese Rolle nun
übernimmt.
Zuletzt war auch Ex-Verteidigungsminister Rustem Umjerow von
Korruptionsfahndern vorgeladen worden. Der Sekretär des Nationalen
Sicherheitsrates bestreitet alle Vorwürfe. Auch der 43-Jährige
gehört zu Kiews Hauptunterhändlern bei den Gesprächen über Trumps
Friedensinitiative.
Möglicher Konflikt mit den Anti-Korruptionsbehörden
NABU und SAP hatten vor etwas mehr als zwei Wochen mitgeschnittene
Gespräche zu Schmiergeldzahlungen im Energiesektor veröffentlicht.
Es gab mehrere Festnahmen. Energieministerin Switlana Hryntschuk und
Justizminister Herman Haluschtschenko wurden entlassen. Der
Hauptverdächtige und Vertraute von Präsident Selenskyj, Tymur
Minditsch, konnte aus dem Land fliehen. Er ist zur Fahndung
ausgeschrieben. Bereits damals wiesen die Korruptionsfahnder auf
Bestechung auch im Rüstungsbereich hin.
Im Juli hatte Präsident Selenskyj noch versucht, NABU und SAP unter
seine Kontrolle zu bringen. Damals wurden bereits Vorwürfe gegen
Jermak laut, dass die eilig verabschiedete Gesetzesänderung auf
seine Initiative hin im Parlament eingebracht worden sei. Ziel sei
gewesen, die sich anbahnenden Verfahren gegen Minditsch und den
Selenskyj nahestehenden Ex-Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow
zu verhindern, berichteten Medien. Nach Straßenprotesten und einer
Intervention der Europäischen Union musste Selenskyj das Gesetz
wieder ändern und den vorherigen Zustand wiederherstellen.
Der oppositionelle Abgeordnete Olexij Hontscharenko meinte, dass die
Ermittlungen auch eine Antwort darauf sein könnten, dass Jermak
angeordnet haben soll, die Ermittler von NABU und SAP zu überwachen.
Er vermute auch Amtsmissbrauch, Einflussnahme und politische
Verfolgung. "Da helfen auch alle Anwälte des Landes nichts", schrieb
Hontscharenko bei Telegram.
Beeinflussen die Ermittlungen die Friedensgespräche?
Die Ermittlungen rund um den Korruptionsskandal könnten auch
Auswirkungen auf die Gespräche der Ukraine mit den USA haben.
Medienberichten zufolge hatte Präsident Selenskyj Jermak extra zum
Verhandlungsführer bei einem Treffen in Genf am Sonntag ernannt, um
ihn aus der Schusslinie zu nehmen. Einige Kommentatoren hatten
dagegen mit seiner Absetzung gerechnet.
Jermak lehnte in einem Interview die von Russland geforderten
Gebietsabtretungen im Donbass für einen Waffenstillstand ab.
"Solange Selenskyj Präsident ist, sollte niemand damit rechnen, dass
wir Gebiete aufgeben. Er wird keine Gebiete abtreten", sagte er "The
Atlantic".
USA wollen Ukraine zum Kriegsende bewegen
Tags zuvor hatte Jermak neue Gespräche mit der US-amerikanischen
Seite für das Ende der Woche angekündigt. Erwartet wird die Ankunft
einer US-Delegation unter Leitung des Staatssekretärs Daniel
Driscoll.
Russland besteht darauf, dass die ukrainischen Truppen sich für
einen Waffenstillstand aus den Gebieten Luhansk und Donezk komplett
zurückziehen. Kremlsprecher Peskow sagte mit Blick auf die Razzia
bei Jermak, dass sich der Korruptionsskandal in der Ukraine ausweite
mit negativen Folgen für das politische System in Kiew.
Die USA versuchen seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump,
ein Ende des seit Februar 2022 währenden russischen Krieges gegen
die Ukraine zu erreichen. Vergangene Woche hatte Washington einen
aus 28 Punkten bestehenden Friedensplan vorgelegt und Kiew zur
Annahme gedrängt. Die von Jermak geleitete ukrainische
Verhandlungsdelegation hatte am vergangenen Sonntag mit
Unterstützung europäischer Verbündeter Änderungen am Plan
vorgenommen und diese den USA vorgelegt.
Trotz einer Reihe seit dem westlichen Umsturz von 2014 neu
geschaffener Behörden zur Schmiergeldbekämpfung gilt die Ukraine
weiter als einer der korruptesten Staaten Europas. Als
EU-Beitrittskandidat hat sich das Land zu Reformen
verpflichtet./ast/DP/zb
AXC0221 2025-11-28/17:23
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Autor: - dpa-AFX
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