| Solar Valley: Der nächste Sonnenuntergang |
| 03.01.2026 10:49:00 |
Das Ende des Solar Valley
steht in einem mehr als hundert Meter langen Gang und stapelt sich
auf Paletten fast bis zur Decke. In Folie eingewickelte Solarmodule
verlieren sich im Dunkel des Ganges. Kleingruppen werden kurz vor
Jahresende daran vorbei durch die Produktionshallen geführt, in
denen sich früher Minister und Spitzenpolitiker vor schwarz
glänzenden Solarmodulen fotografieren ließen. Jetzt kleben kleine
Nummern an Regalsystem, Produktionsanlagen, Tischen - sogar an
Bürotopfpflanzen. Das Inventar von Meyer Burger, des letzten großen
Solarmodulproduzenten in Deutschland, kommt unter den Hammer.
"Der Aufstieg war Aufbruch pur - man hat gespürt, was Menschen
leisten, wenn sie von einer Mission begeistert sind", sagt Gunter
Erfurt. Er war bis zum Herbst 2024 Geschäftsführer des Schweizer
Herstellers Meyer Burger mit seinen Produktionsstätten in
Bitterfeld-Wolfen und im sächsischen Freiberg. Erfurt gilt als einer
der engagiertesten Vertreter der Solarbranche in Deutschland. 2025
meldete Meyer Burger Insolvenz an. Heute sagt Erfurt: "Die
Solarindustrie in Deutschland ist in einem bemitleidenswerten
Zustand."
Aufstieg und Fall im Solar Valley
Mit dem Ende von Meyer Burger 2025 ist die letzte große Hoffnung auf
eine Rückkehr der industriellen Photovoltaik-Fertigung in
Deutschland fürs Erste geplatzt. Wieder einmal. Gleichzeitig läuft
der Ausbau von PV-Anlagen weiter. Das wirkt wie ein Paradox:
Deutschland baut Solar aus, aber produziert kaum noch Solar.
Das Solar Valley im Osten von Sachsen-Anhalt steht beispielhaft für
die Entwicklung des Marktes in Deutschland. Hier ist der Umbruch
nicht abstrakt, sondern sichtbar: Hallen, die einmal Zukunft
versprachen, werden jetzt leer geräumt, ihr Inventar bei
Industrieauktionen versteigert. Wie eine aufgegebene Grenze steht
das alte Empfangsgebäude des Industriegebiets am Eingang der
"Sonnenallee".
Umsätze brachen bis zu 90 Prozent ein
"In der ursprünglichen Form existiert das Solar Valley leider schon
seit zehn Jahren nicht mehr", sagt Carsten Körnig, der
Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft. Er verfolgt
seit 30 Jahren die Entwicklung der Solarbranche. "Deutschland war
einmal Vorreiter der Solarindustrie."
Das "Solar Valley" entstand kurz nach der Jahrtausendwende und galt
als eines der größten Zentren der Solarindustrie in Europa. In dem
Industriegebiet im Bitterfelder Ortsteil Thalheim siedelten sich
zahlreiche Unternehmen an. Bis zu 3.500 Jobs gab es. Dann habe vor
rund 15 Jahren der erste Niedergang der Hersteller von Solarmodulen
und ihren Vorprodukten begonnen, sagt Verbandschef Körnig. Mit
massiven plötzlichen Einschnitten der Förderung habe die
schwarz-gelbe Koalition um 2012 einen Einbruch der Inlandsnachfrage
um 80 Prozent verursacht. Unternehmen hätten Umsatzeinbußen zwischen
80 und 90 Prozent gehabt.
Massiver Ausbau in China drückt Preise
Gleichzeitig baute China die Produktion massiv aus und flutete den
Weltmarkt mit günstigen Solarmodulen. Zahlreiche Unternehmen im
Solar Valley gingen pleite. Die deutsche Solarbranche verlor nach
Angaben des Branchenverbands damals rund 100.000 ihrer 130.000 Jobs.
Inzwischen ist der Markt in chinesischer Hand. Nach Angaben der
Internationalen Energie Agentur (IEA) verfügte China im Jahr 2022
über 75 Prozent der weltweiten Modulfertigung. "Die Zahlen sprechen
für sich und seitdem hat sich die Lage nicht verbessert", sagt
Körnig. 2021 versuchte Meyer Burger mit dem Aufbau seiner Standorte
in Sachsen und Sachsen-Anhalt die Produktion wieder nach Deutschland
zu holen - vergeblich. "Wir haben zugelassen, dass eine Technologie,
die aus Deutschland kommt und hier entwickelt wurde, aus der Hand
gegeben wird", sagt der frühere Meyer Burger-Chef Erfurt. Inzwischen
gebe es nicht einmal mehr Ankündigungen in der Branche, die
irgendjemand ernst nehme.
"Ich würde nicht sagen, dass die Solarindustrie tot ist"
"Ich würde nicht sagen, dass die Solarindustrie tot ist", hält Ralph
Gottschalg dagegen. Er ist Leiter des Fraunhofer-Center für
Silizium-Photovoltaik in Halle (Saale) und Professor an der
Hochschule Anhalt. Das Institut sei damals gegründet worden, um das
Solar Valley zu unterstützen. "Dann war leider die erste Talsohle
schon da." Der Markt habe sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren
extrem verändert. Bei Standardprodukten werde Deutschland nicht
konkurrenzfähig sein - "bei allem, was in Container gepackt wird".
Dabei werde China immer günstiger sein. Aber es gebe
Nischenprodukte, beispielsweise Fassaden mit Photovoltaik, die nicht
in Container gepackt werden könnten. Auch dort sei der Markt noch
gigantisch.
Gleichzeitig sei Deutschland bei der Forschung weiter führend. Und
auch beim sogenannten Downstream-Markt, also dem Handel, der
Installation und Wartung von Anlagen. "Im Sinne von
volkswirtschaftlichem Vorteil ist das auch nicht zu verachten", sagt
Gottschalg. Der Bundesverband Solarwirtschaft spricht von rund
150.000 Beschäftigten in der Solarbranche in Deutschland. Es gebe
mehr als 20.000 Betriebe in Deutschland, die Photovoltaik-Anlagen
oder Dienstleistungen für die Solarbranche im Angebot hätten.
Zölle, Boni, Subventionen: Experten sehen verschiedene Möglichkeiten
In der Forschung seien einige Unternehmen weiterhin in
Ostdeutschland angesiedelt. Das ursprüngliche Solar Valley strahle
also immer noch bis in die Gegenwart aus, sagt Geschäftsführer
Körnig. Innovative Unternehmen aus dem Umkreis des Solar Valley
seien immer noch international gefragte Technologiepartner. Sie
benötigten allerdings klare Zukunftsperspektiven. "Grundsätzlich
besteht weiterhin die Möglichkeit für eine Renaissance der
Solarindustrie in Deutschland und in Europa."
Die beste Forschung könne langfristig aber nicht liefern, wenn die
Industrie nicht mehr da sei, hält der frühere Unternehmenschef
Gunter Erfurt dagegen. Wie die Branche gerettet werden kann, dazu
gibt es unter Experten aber verschiedene Ansätze, so könne es etwa
Anreize oder Boni für den Einsatz deutscher Solarmodule geben. Beim
Thema Subventionen und Zölle gehen die Meinungen dagegen
auseinander. Fakt sei nur, sagt Erfurt, dass es keine Möglichkeiten
mehr gebe, wenn die Politik nicht jetzt aktiv werde. "Ich bin als
Optimist hoffentlich bekannt: Zu spät ist es erst dann, wenn wir die
technologische Basis verlieren, etwas zu tun."/sus/DP/he
AXC0016 2026-01-03/10:49
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Autor: - dpa-AFX
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