| ROUNDUP 3: 'Großschadenslage' nach Anschlag auf Stromnetz in Berlin |
| 04.01.2026 20:00:00 |
(Aktualisierung: Update Bahn zu S-Bahnen - 13. Absatz)
BERLIN (dpa-AFX) - Zehntausende Menschen mitten im Winter ohne
Strom, Heizung und warmes Essen, Dunkelheit und ein Großeinsatz von
Polizei und Rettungskräften: Der Anschlag auf die Berliner
Stromversorgung vom Samstag hat für die Hauptstadt dramatische
Folgen, die noch tagelang zu spüren sein werden. Einen Tag nach der
Attacke auf wichtige Kabel nahe einem Kraftwerk im Berliner
Südwesten steht für Politik und Behörden fest, dass es sich um einen
politisch motivierten Anschlag handelt und Linksextremisten
dahinterstehen.
Ein aufgetauchtes Bekennerschreiben einer "Vulkangruppe" sei
authentisch, teilte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) mit. Zuvor
hatte der Staatsschutz der Polizei das Schreiben geprüft, das auch
auf mehreren einschlägigen Webportalen veröffentlicht wurde.
Gleichzeitig rief Berlin eine sogenannte Großschadenslage aus, um so
leichter etwa Hilfe der Bundeswehr in Anspruch nehmen zu können.
Zweiter Anschlag binnen weniger Monate
"Es ist inakzeptabel, dass erneut offenkundig Linksextreme unser
Stromnetz angreifen und damit Menschenleben gefährden", sagte
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zu dem Schreiben.
"Wir werden massiv und ganz engagiert ermitteln, wer diese Täter
sind, die verdienen eine wirklich gerechte Strafe." Erst im
September 2025 hatte ein ähnlicher Anschlag einen großen Blackout im
Berliner Bezirk Treptow-Köpenick zur Folge.
Das lange Konvolut der mutmaßlichen Täter im aktuellen Fall trägt
die Überschrift "Den Herrschenden den Saft abdrehen". "In der Gier
nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt,
geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört", hieß es dort.
Das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde sei "erfolgreich sabotiert"
worden. "Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die
fossile Energiewirtschaft", behauptet die Gruppe in dem Schreiben.
In Sichtweite des Kraftwerks hatte am frühen Samstagmorgen ein Brand
an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal mehr als ein Dutzend
wichtige Leitungen beschädigt, darunter mehrere
Hochspannungsleitungen. Nach Angaben der für Energie zuständigen
Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) wurden Brandsätze direkt
unter den Kabeln platziert, die mit großer Hitze die Leitungen
zerstörten.
Zehntausende Haushalte ohne Strom
Von dem so ausgelösten Stromausfall waren zunächst 45.000 Haushalte
und mehr als 2.200 Unternehmen betroffen. Inzwischen wurden 10.000
Haushalte und 300 Gewerbekunden wieder angeschlossen, wie Stromnetz
Berlin mitteilte. Betroffen sind die Stadtteile Nikolassee,
Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde, in denen es viele
Einfamilienhäuser und Villensiedlungen gibt, aber auch Hochhäuser.
Die Polizei sucht mit einem Aufruf nach Zeugen.
Stromausfall voraussichtlich noch bis Donnerstag
Die Schäden am Stromnetz sind nach Angaben des Betreibers Stromnetz
Berlin so schwerwiegend und die Reparatur so kompliziert, dass die
Notlage außergewöhnlich lange dauern wird. Erst am
Donnerstagnachmittag könnten voraussichtlich alle Stromkunden wieder
versorgt werden.
Bei frostigen Temperaturen und reichlich Neuschnee stellt das viele
Menschen vor erhebliche Probleme. Mehrere große Krankenhäuser in den
Stadtteilen wurden zwar nach einem Tag wieder an das Stromnetz
angeschlossen und mussten dank Notstromaggregaten nicht evakuiert
werden.
Viele Alltagsprobleme für die Menschen
Vom Stromausfall sind aber auch zahlreiche Pflegeeinrichtungen und
pflegebedürftige Menschen in ihren Wohnungen betroffen. Der Berliner
Senat sei in enger Abstimmung unter anderem mit der Feuerwehr, um
diese Menschen notfalls in Pflegeeinrichtungen in anderen
Stadtteilen zu verlegen, die freie Kapazitäten gemeldet hätten, so
Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD).
Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Feuerwehr richteten etwa in einem
Freizeitzentrum oder im Rathaus Zehlendorf Notunterkünfte ein, in
denen Menschen die Nacht verbringen, sich aufwärmen, etwas essen und
trinken können. In der ersten Nacht wurden diese nach Angaben des
Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf nur von wenigen genutzt, darunter
von einer 97 Jahre alten Rentnerin.
Auch Kirchengemeinden öffneten ihre Räume. Viele ältere oder
gebrechliche Menschen können solche Angebote indes schon deshalb
nicht nutzen, weil die Aufzüge in ihren Hochhäusern nicht
funktionieren und sie in Wohnungen in zunehmender Kälte sitzen.
Handys aufladen
Wichtig ist für viele Leute, ihre Handys aufzuladen. Das können sie
in den Notunterkünften, aber auch anderen dezentralen Anlaufpunkten,
die etwa Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk eilig aufbauten.
Dort kann man auch Notrufe absetzen. Internetempfang haben die
meisten in den betroffenen Stadtteilen nicht.
Ebenfalls als Folge des Stromausfalls gab es erhebliche Störungen
bei den S-Bahn-Linien 1 und 7. Eine Bahnsprecherin teilte am Abend
mit, die S-Bahn-Linie 7 solle von 22.00 Uhr an am Sonntagabend
wieder normal fahren. Die Regionalbahn 1 laufe seit etwa 18.30 Uhr
wieder.
Etliche Supermärkte blieben am Samstag dicht, am Montag dürfte es
nicht anders sein.
Schulen dicht
Im Gebiet ohne Strom bleiben von Montag bis zunächst einschließlich
Mittwoch rund 20 Schulen geschlossen, wie die Bildungsverwaltung
mitteilte. Bei dringendem Bedarf werde in Schulen mit Strom eine
Notbetreuung für Schüler eingerichtet, hieß es.
Viele Menschen in Zehlendorf beschwerten sich im Gespräch mit einem
dpa-Reporter über mangelnde Informationen und aus ihrer Sicht zu
wenige praktische Alltagshilfen. "Man ist abgeschnitten von der
Welt", sagte etwa eine Frau, in deren Wohnung die Temperatur bereits
auf 14 Grad abgesunken sei.
Es gibt aber auch viele Beispiele von Nachbarschaftshilfe oder
andere Unterstützung. So bedankte sich die Leitung des
Diakonie-Hospizes Wannsee, dass Feuerwehrleute ohne Wenn und Aber
dabei geholfen hätten, die Bewohner in ein Krankenhaus in der Nähe
zu bringen, das Hilfe angeboten habe. Dort könnten die Menschen
weiter vom Hospizteam betreut werden./kr/ane/nif/DP/he
AXC0062 2026-01-04/20:00
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Autor: - dpa-AFX
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