Erste-Group-Ökonomen sehen für 2026 verhaltenes Wachstum für Eurozone / Zollstreit und Geopolitik sind Risikofaktoren für 2026 - Permoser: "Risk on, aber nicht all in" als Einschätzung für 2026 für Anleger
08.01.2026 13:13:00

Im neuen Jahr dürfte sich die Weltwirtschaft eher zaghaft entwickeln. Die Ökonomen der Erste Group sehen für die Eurozone nur ein moderates Wachstum und eine sinkende Inflation. Für die USA wird mehr Wachstum und eine anhaltend erhöhte Inflation vorausgesagt. Für Anlegerinnen und Anleger sehen die Volkswirte dennoch Investment-Chancen. Risiken ergeben sich vor allem aus einer möglicherweise eskalierenden Zoll-Aufwärtsspirale, erhöhter Staatsverschuldung und der Geopolitik.
Für die Eurozone prognostiziert die Erste Group ein Wachstum von 1,1 Prozent, nach 1,4 Prozent für 2025. Die Industrie bleibe eine wichtige Säule des Wachstums, erhole sich aber nur langsam, da der Zollkonflikt mit den USA den Sektor 2025 belastet habe. Auch heuer bleibt eine mögliche Aufwärtsspirale bei den Zöllen ein potenzielles Risiko, sagte Erste-Group-Ökonom Friedrich Mostböck am Donnerstag in einem Pressegespräch. Die Inflation sollte dagegen bei rund 2 Prozent stabil bleiben. Für Österreich rechnen die Ökonomen mit einem BIP-Plus von 1,1 Prozent, besser steht es um die für die österreichische Wirtschaft wichtigen CEE-Länder (Kroatien, Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien, Serbien, Slowakei, Slowenien), für die für 2026 ein durchschnittliches Wachstum von 2,7 Prozent erwartet wird.
Für die USA wird eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums auf 1,8 Prozent im Jahr 2026 (2025: 1,6 Prozent) gesehen sowie eine anhaltend erhöhte Inflation knapp unter 3 Prozent - belastet vom Zollkonflikt. "Die Zölle haben in den USA schon negative Auswirkungen, sie sind im Wesentlichen erhöhte Steuern", so Mostböck. Deutlich stärkeres Wachstum wird für die Emerging Markets (plus 4 Prozent für 2026) erwartet, wobei hier vor allem Indien als treibende Kraft gelte.
Geopolitik als Risikofaktor
Neben dem weltweiten Zollkonflikt bleibt die Geopolitik ein Risikofaktor. "Es gibt viele geopolitische Hotspots die uns beschäftigen werden und wohl leider nicht verschwinden werden", sagte Mostböck. Zuletzt sorgte vor allem die Festnahme des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro durch die USA für weltweite Aufmerksamkeit. An den Finanzmärkten hatten die Ereignisse in Venezuela bisher kaum Auswirkungen, lediglich beim Ölpreis habe es leichte Veränderungen gegeben. Deutlichere Reaktionen könne es dagegen geben, wenn sich in der Grönland-Thematik etwas bewege. "Wenn das Thema sein sollte, dann wird das massive Auswirkungen haben", so der Ökonom. Er rechnet aber damit, dass US-Präsident Donald Trump in nächster Zeit mit Venezuela "genug zu tun" haben wird. Die USA hatten jüngst erneut Besitzansprüche gegenüber der Insel kundgetan.
Derzeit lasse die Thematik die Finanzmärkte aber kalt. Es habe aber schon immer einen Widerspruch gegeben zwischen dem, was allgemein als Nachricht betrachtet werde und dem, was die Kapitalmärkte bewegt, sagte Gerold Permoser, Chief Investment & Sustainable Investment Officer der Erste Asset Management. Für die Kapitalmärkte seien vor allem jene Entwicklungen entscheidend, die Auswirkungen auf die Unternehmen hätten.
Permoser: "Risk on, aber nicht all in"
Vor diesem Hintergrund seien die Aussichten für Anleger für 2026 nicht schlecht, so Permoser. Vor allem bei US-Unternehmen seien weitere Gewinne zu erwarten. Dabei würden einige wenige Sektoren den Auftrieb dominieren - allen voran Kommunikationsdienstleistungen und IT, also KI-nahe Branchen. Auch Gold bleibe trotz der starken Kursgewinne des vergangenen Jahres attraktiv.
"Risk on, aber nicht all in", laute die Einschätzung für das heurige Jahr - das heißt, dass Anleger durchaus auch in risikoreichere Anlagen wie Aktien investieren können. Nach drei starken Jahren an den Aktienmärkten sei heuer jedoch eine etwas moderatere Performance zu erwarten. Gleichzeitig sollten Investorinnen und Investoren auf ausreichende Diversifizierung achten und kurzfristige Anlagemodelle vermeiden, empfiehlt der EAM-Experte.
Mit einem ruhigen Jahr dürfte aber insgesamt nicht zu rechnen sein. "Wir werden davon ausgehen müssen, dass auch das Jahr 2026 viele Überraschungen für uns hat", sagte Rainer Hauser, Chief Investment Officer (CIO) der Erste Group. Mit einem ausführlichen Paper, das kommende Woche veröffentlicht werden soll, will die Erste Group Anlegern helfen, in einer komplexen Welt mit viel Unsicherheit auf die wesentlichen Einflussfaktoren zu blicken und "durch den Lärm durchzudringen".
bel/ivn
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