| ROUNDUP 2: Trendwende? Industrieaufträge schüren Konjunkturhoffnung |
| 08.01.2026 14:26:00 |
(Neu: Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags
(DIHK) und gestiegene Zahl der Insolvenzen)
WIESBADEN (dpa-AFX) - In der krisengeschüttelten deutschen Industrie
schüren unerwartet starke Bestellungen die Hoffnung auf bessere
Zeiten. Im November stieg der Auftragseingang um 5,6 Prozent zum
Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Experten hatten
nach einem starken Oktober-Wert mit einem Rückgang gerechnet.
Die guten Auftragszahlen - das größte Plus seit Ende 2024 - sorgten
auch an der Börse für Optimismus und trieben den Leitindex Dax
zeitweise auf ein Rekordhoch. Ökonomen setzen darauf,
dass steigende Rüstungsausgaben die Konjunktur ankurbeln. Zugleich
warnen sie vor zu viel Optimismus für die deutsche Wirtschaft, die
2026 nach drei Jahren ohne Wachstum wieder zulegen soll.
Ökonomen sehen mögliche Trendwende
"Endlich mal eine Zahl von der deutschen Konjunktur, an der es
nichts zu meckern gibt", sagte Jens-Oliver Niklasch von der
Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Er sieht darin ein echtes
Zeichen für eine mögliche Trendwende. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt
der Liechtensteiner VP Bank, sprach von einer "freudigen
Konjunkturüberraschung".
Deutliche Auftragszuwächse im November gab es etwa für Hersteller
von Metallerzeugnissen mit gut 25 Prozent und im Sonstigen
Fahrzeugbau (Flugzeuge, Schiffe, Züge, Militärfahrzeuge) mit einem
Plus von 12,3 Prozent. "In diesen Bereichen wurde ein hohes Volumen
an Großaufträgen verzeichnet," erklärten die Statistiker. Ohne
Großaufträge war der Auftragseingang 0,7 Prozent höher als im
Vormonat. Moderate Zuwächse gab es auch bei elektrischen
Ausrüstungen und im Maschinenbau.
Die Auftragseingänge dürften in den kommenden Monaten vor allem von
Rüstungsaufträgen geprägt bleiben, meint Gitzel. Der US-Angriff auf
Venezuela führe eindrücklich vor Augen, dass es in der derzeitigen
Weltordnung auf militärische Stärke ankomme. Die deutsche
Rüstungsbranche werde deshalb zu einem der wichtigsten Treiber für
die Industrie gehören.
Ähnlich äußerte sich der wissenschaftliche Direktor des Instituts
für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der
Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien. Rüstungsbestellungen
dürften zu weiter steigenden Auftragseingängen führen. Das
Auftragsplus sei ein weiteres Indiz, dass die steigenden
Staatsausgaben im neuen Jahr die Wirtschaft ankurbeln werden.
"Diese Stütze ist für die Industrie hochwillkommen", betonte
Dullien. 2026 dürfte deutlich besser für die deutsche Industrie
werden als das abgelaufene Jahr. Neben steigenden Staatsausgaben für
Rüstung dürfte auch der Anstieg bei Infrastrukturinvestitionen der
Industrie mehr Aufträge bescheren.
Krise der Industrie: 120.000 Jobs verloren
Die Schwäche der Industrie ist einer der wesentlichen Gründe für die
Krise der deutschen Wirtschaft, die zwei Jahre in Folge geschrumpft
ist und 2025 stagnieren dürfte. Ende des dritten Quartals 2025 waren
laut Statistischem Bundesamt rund 5,43 Millionen Menschen in der
Industrie beschäftigt - ein Rückgang von 120.300 Beschäftigten in
einem Jahr.
Die Krise der Industrie spiegelt sich auch in gestiegenen
Insolvenzen wider: Sie lagen laut dem Institut für
Wirtschaftsforschung Halle (IWH) 2025 auf dem höchsten Stand seit 20
Jahren.
Im neuen Jahr könnte die deutsche Wirtschaft wieder an Fahrt
gewinnen - nicht zuletzt wegen der staatlichen Milliardenausgaben.
Forschungsinstitute wie das Ifo, das RWI Essen und das Kiel Institut
für Weltwirtschaft (IfW) haben ihre Prognosen für 2026 zuletzt aber
gesenkt und erwarten nur ein Plus von rund einem Prozent oder
weniger.
Die deutsche Wirtschaft leidet nicht nur unter strukturellen
Problemen wie Bürokratie und teurer Energie. Auch die hohen US-Zölle
und harte Konkurrenz aus China machen ihr zu schaffen. Dem
Industrieverband BDI zufolge ist die Industrieproduktion 2025 das
vierte Jahr in Folge geschrumpft.
Nun verdichten sich die Zeichen auf Besserung. Die Aufträge für die
Industrie legten dem Statistischen Bundesamt im November sowohl im
Inland mit einem Orderplus von 6,5 Prozent zu als auch aus dem
Ausland (plus 4,9 Prozent).
DIHK: "Aufschwung kein Selbstläufer"
Jupp Zenzen, Konjunkturexperte beim Deutschen Industrie- und
Handelskammertag (DIHK), sieht die Lage geteilt. "Der dritte Anstieg
bei den Auftragseingängen in Folge ist ein gutes Zeichen. Ohne die
Berücksichtigung der insbesondere rüstungsgetriebenen Großaufträge
fallen die Zuwächse allerdings deutlich bescheidener aus."
Zumindest die Talsohle scheine nun erreicht. "Ein Aufschwung in der
Industrie ist aber bei weitem kein Selbstläufer, die strukturellen
Probleme am Standort Deutschland wie hohe Kosten, hohe Steuern und
überbordende Bürokratie bleiben ungelöst."/als/zb/mis/DP/jkr
AXC0207 2026-01-08/14:26
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Autor: - dpa-AFX
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