| ROUNDUP/Tödliche Schüsse: US-Stadt zweifelt an fairen Ermittlungen |
| 09.01.2026 06:35:00 |
Nach den tödlichen Schüssen auf eine Frau
durch einen Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis
ist die Stimmung angespannt. Hunderte Menschen protestierten am
Donnerstag nach dem Tod der 37-Jährigen in der Großstadt im
Bundesstaat Minnesota im Norden der USA und forderten den Abzug von
ICE. Aber auch in vielen anderen Städten und US-Bundesstaaten kam es
zu Protesten und Kundgebungen.
Die US-Regierung von Präsident Donald Trump spricht bei dem Vorfall
von gerechtfertigter Notwehr. Lokale Behörden äußerten jedoch
Zweifel an dieser Darstellung.
Trump verschärft in seiner zweiten Amtszeit, die bald ein Jahr
andauert, seine Abschiebepolitik. ICE-Razzien gegen Migranten führen
regelmäßig in vielen demokratisch regierten Städten zu Protesten.
Das ist bislang über den Vorfall bekannt
Nach Angaben der Polizei befand sich die 37-Jährige am Mittwoch in
ihrem Auto und blockierte eine Straße in Minneapolis, als sich ein
ICE-Beamter zu Fuß näherte. Der Wagen setzte sich demnach in
Bewegung, woraufhin mindestens zwei Schüsse fielen. Die Frau habe
eine Kopfverletzung erlitten und sei im Krankenhaus für tot erklärt
worden. Ermittlungen zu dem Vorfall laufen.
Die 37-jährige weiße US-Staatsbürgerin war laut "Washington Post"
eine preisgekrönte Dichterin und Mutter dreier Kindern im Alter von
6, 12 und 15 Jahren. Laut Polizei soll sie nicht im Fokus der
Behörden gestanden haben.
Das Heimatschutzministerium sprach von einem "defensiven"
Schusswaffeneinsatz zum Schutz der Beamten und Unbeteiligter. Die
Frau habe versucht, einen ICE-Beamten zu überfahren, hieß bereits
direkt nach dem Vorfall von Heimatschutzministerin Kristi Noem.
Trump schrieb auf seiner Onlineplattform Truth Social, die Frau habe
mit ihrem Fahrzeug einen ICE-Beamten "gewaltsam und vorsätzlich"
angegriffen. Der Beamte habe in einer lebensbedrohlichen Situation
gehandelt und befinde sich inzwischen zur Erholung im Krankenhaus.
Zugleich machte er eine "radikale linke Gewalt- und Hass-Bewegung"
für die Eskalation verantwortlich, die Sicherheitskräfte und
ICE-Beamte täglich bedrohe und angreife.
US-Vizepräsident JD Vance ging bei einer Pressekonferenz in eine
ähnliche Richtung. Wenn eine junge Mutter auftauche und beschließe,
mit ihrem Auto ICE-Beamten in die Quere zu kommen, die legitimes
Recht durchsetzten, müsse man "schon ein wenig einer Gehirnwäsche
unterzogen worden sein", sagte er und bezeichnete die Frau als
"Opfer linker Ideologie".
Stadt widerspricht Trumps Darstellung
Die Aussagen der US-Regierung stehen im starken Widerspruch zur
Darstellung der Stadt Minneapolis. Der demokratische Bürgermeister
Jacob Frey kritisierte den Einsatz scharf. ICE sei nicht in der
Stadt, um Sicherheit zu schaffen, sondern verursache Chaos. Die
Darstellung als Selbstverteidigung bezeichnete er nach Sichtung von
Videoaufnahmen als "Bullshit".
Auch der demokratische Gouverneur des Bundesstaats Minnesota
attackierte die Regierung in Washington. "Was wir hier sehen, sind
die Folgen einer Regierungsführung, die darauf ausgelegt ist, Angst,
Schlagzeilen und Konflikt zu erzeugen", sagte er. Zuvor hatte er in
einem Post auf der Plattform X betont, man solle der
Propagandamaschine der Regierung keinen Glauben schenken.
Analysen von US-Tageszeitungen untermauern ebenfalls die Zweifel an
der Darstellung von Selbstverteidigung. So kommen Videoauswertungen
der "Washington Post" und der "New York Times" zu dem Schluss, dass
der ICE-Beamte sich bereits aus der unmittelbaren Gefahrenzone
bewegt habe, als er auf die Fahrerin schoss. Das Fahrzeug sei
sichtbar von dem Beamten weggelenkt und die Schüsse von der Seite
abgegeben worden. Zudem zeigten die Aufnahmen demnach, dass sich der
Schütze nach den Schüssen über mehr als eine Minute hinweg ohne
erkennbare Verletzungen oder Einschränkungen normal am Tatort
bewegte.
Zweifel an fairem Ergebnis der Ermittlungen
Die Strafverfolgungsbehörde des US-Bundesstaates Minnesota sieht
sich in den Ermittlungen gehindert. Die US-Staatsanwaltschaft habe
sich am Mittwoch entgegen vorheriger Absprachen entschieden, dass
ausschließlich die US-Bundespolizei FBI die Ermittlungen leiten
solle, teilte der Leiter des Bureau of Criminal Apprehension (BCA)
mit. Der Zugriff auf Fallunterlagen, Beweismittel vom Tatort und
Ermittlungsbefragungen sei BCA entzogen worden. Damit sei ihnen eine
gründliche und unabhängige Untersuchung nicht mehr möglich.
Heimatschutzministerin Noem entgegnete bei einer Pressekonferenz,
dass die lokalen Ermittler bei dieser Untersuchung nicht zuständig
seien. Bei einer Pressekonferenz in Minneapolis sagte der Leiter der
Behörde für öffentliche Sicherheit in Minnesota, Bob Jacobson, dass
bei Untersuchungen zum Einsatz tödlicher Gewalt durch Bundesbeamte
zwar in der Regel die Bundesbehörden die Leitung übernähmen, es
jedoch in der Vergangenheit Standard gewesen sei, dass der
Bundesstaat Minnesota eingebunden werde.
Walz erklärte dazu, wolle man die Situation tatsächlich
deeskalieren, müsse die logische Konsequenz darin bestehen,
Minnesota an den Ermittlungen zu beteiligen. "Ich denke, es ist für
alle klar, die das gesehen haben, dass es jetzt sehr schwer ist zu
glauben, dass wir ein faires Ergebnis erhalten werden".
ICE-Vorgehen und der tödliche Vorfall stoßen auf Protest
Unmittelbar nach dem tödlichen Vorfall kam es zu Protesten am
Tatort. Hunderte Menschen versammelten sich am Mittwoch in Minnesota
und skandierten Parolen gegen ICE. Am Tag nach den tödlichen
Schüssen standen Dutzende Protestierende in Minneapolis in der Nähe
eines Bundesgebäudes einer hohen Anzahl bewaffneter Bundesbeamten
gegenüber.
Tom Homan - der Mann, der Trumps Abschiebepolitik durchsetzen soll -
sagte einem US-Sender über den Vorfall, die ICE-Einsätze würden
"ohne Entschuldigung" fortgesetzt. Proteste seien zwar legitim, jede
Behinderung, Einmischung oder Bedrohung von Beamten werde jedoch
Konsequenzen haben. Er könne zwar nicht jeden einzelnen Einsatz
überwachen, vertraue aber auf das richtige Handeln der ICE-Beamten.
"Ich habe in meiner gesamten Amtszeit keinen einzigen Fall gesehen,
in dem ein ICE-Beamter unangemessen gehandelt hat."
Gouverneur Walz rief die Bevölkerung wiederholt dazu auf, ihren
Protest friedlich zu äußern, da ICE sonst in die Hände gespielt
werde./hae/DP/zb
AXC0043 2026-01-09/06:35
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Autor: - dpa-AFX
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