| ROUNDUP 2/EU-Einigung: Weg für Mercosur-Handelsabkommen ist frei |
| 09.01.2026 14:28:00 |
(neu: Details)
BRÜSSEL (dpa-AFX) - Der Weg für eine riesige EU-Freihandelszone mit
den südamerikanischen Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien,
Uruguay und Paraguay ist mehr als ein Vierteljahrhundert nach
Verhandlungsbeginn frei. Bei einer Sitzung von Vertretern der 27
EU-Länder stimmten in Brüssel ausreichend viele Teilnehmer dem
Abschluss des Deals zu. Die Unterzeichnung soll bereits nächste
Woche in Paraguay erfolgen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte die Einigung einen
"Meilenstein in der europäischen Handelspolitik und ein wichtiges
Signal unserer strategischen Souveränität und Handlungsfähigkeit".
Mit dem Abkommen stärke man die Wirtschaft und die
Handelsbeziehungen mit Südamerika.
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte vor dem Hintergrund der
Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump: "Während sich andere
abschotten und eine immer aggressivere Handelspolitik verfolgen,
setzen wir auf neue Partnerschaften". Das Abkommen berge "enormes
Potenzial" für die deutsche Wirtschaft.
Italien gibt Blockade auf
Die neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern wird
nach Angaben der EU-Kommission die weltweit größte dieser Art sein.
Ermöglicht wurde die Einigung auf das umstrittene Abkommen durch
weitere Zugeständnisse an die Agrarlobby. Diese sieht die Konkurrenz
aus den Mercosur-Staaten als Existenzbedrohung für die europäische
Landwirtschaft. In Südamerika können etwa Agrarprodukte wie
Rindfleisch günstiger produziert werden als in Europa.
Das Abkommen hatte eigentlich bereits kurz vor Weihnachten in
Brasilien unterzeichnet werden sollen. Die notwendige Mehrheit im
Rat der EU-Mitgliedstaaten kam damals allerdings noch nicht
zustande, weil Italien seine Zustimmung an weitere
Unterstützungszusagen an europäische Landwirte knüpfte. Das Ja von
Italien war notwendig, weil mit Frankreich und Polen zwei andere
große EU-Staaten das Abkommen in der derzeitigen Form ablehnen.
Zeichen an Donald Trump
Die neue Freihandelszone soll auch ein Zeichen gegen die
protektionistische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump setzen.
Geplant ist, Zölle und Handelsbarrieren zwischen der EU und den
Mercosur-Staaten weitestgehend abzubauen.
Die EU-Kommission schätzt, dass das Abkommen die jährlichen
EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent (49 Milliarden Euro)
steigern kann - und damit mehr als 440.000 Arbeitsplätze in ganz
Europa unterstützt. Besonders große Chancen werden für die
Autoindustrie, den Maschinenbau und die Pharmabranche gesehen. Auf
Autoimporte in die Mercosur-Länder wird beispielsweise derzeit ein
Zoll in Höhe von 35 Prozent fällig.
Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaftsvertreter zeigten sich
dementsprechend erleichtert über den Durchbruch. Tanja Gönner vom
Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sprach von einem starken
Signal für den Freihandel und sagte, Unternehmen könnten rund vier
Milliarden Euro jährlich an Zöllen sparen. Besonders wichtig sei
auch der Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium und Kupfer etwa
für Elektromobilität und Erneuerbare Energien.
Hildegard Müller vom Verband der Automobilindustrie (VDA) sagte:
"Für die Automobilindustrie eröffnet das EU-Mercosur-Abkommen
erhebliche Chancen". Besonders bedeutsam sei dabei der Abbau bislang
hoher Zölle.
Verhandlungen dauerten ein Vierteljahrhundert
Die Verhandlungen über das Mercosur-Abkommen waren bereits 1999
gestartet worden. Die EU-Kommission hatte sie dann im Dezember 2024
trotz anhaltender Kritik aus Ländern wie Frankreich abgeschlossen.
Zuletzt brachte der Zollstreit der EU mit den USA noch einmal neue
Dynamik in den Prozess. Viele Länder wollen jetzt zeigen, dass die
Zeiten des fairen Handels nicht vorbei sind - zu ihnen gehört
insbesondere auch Deutschland.
Kritiker des Abkommens befürchten hingegen, dass europäische
Landwirte in einen gnadenlosen Preiskampf gezwungen werden könnten
und die Regenwaldzerstörung in Südamerika befeuert wird. Zudem wird
behauptet, dass die strengen Standards der EU für
Lebensmittelsicherheit und Tier- und Pflanzenschutz ausgehöhlt
werden könnten.
Die EU-Kommission weist dies entschieden zurück und betont, dass
weiter nur Produkte, die den umfangreichen europäischen Vorschriften
entsprechen, in die EU eingeführt werden dürften.
Umfangreiches Sicherheitsnetz für Bauern
Um den anhaltenden Protesten von Bauern gegen die geplante
Freihandelszone den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte sie jüngst
noch einmal zusätzliche wirtschaftliche Sicherheitsklauseln
ausgearbeitet.
Im Fall eines schädlichen Anstiegs der Einfuhren aus den
Mercosur-Staaten oder eines übermäßigen Preisverfalls für die
EU-Erzeuger sollen damit rasch Gegenmaßnahmen in Gang gesetzt werden
können. Diese würden dazu führen, dass Zollvorteile vorübergehend
wieder ausgesetzt werden.
Eine besonders intensive Überwachung ist bei der Einfuhr von
Produkten wie Rindfleisch, Geflügel, Reis, Honig, Eier, Knoblauch,
Ethanol, Zitrusfrüchte und Zucker vorgesehen. Mindestens alle sechs
Monate soll es auch einen Bericht zu den Auswirkungen von Importen
aus den Mercosur-Ländern Brasilien, Argentinien, Uruguay und
Paraguay geben.
Zum Mercosur-Bund gehört mittlerweile auch Bolivien. Das Land muss
aber erst noch Regeln anpassen, bevor es von dem Freihandelsabkommen
profitieren kann.
Nach der Einigung der Vertreter der Mitgliedstaaten braucht es nun
noch schriftliche Beschlüsse für die Unterzeichnung und den
Abschluss des Abkommens. Dieses gelten allerdings als Formsache und
sollten bereits am Freitagabend vorliegen.
Unterzeichnung ist in Paraguay geplant
Unterzeichnet werden soll das Abkommen in der kommenden Woche in
Paraguay, das derzeit die rotierende Präsidentschaft der
Staatenbundes Mercosur innehat. Aus der EU wollen dafür
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident
António Costa in das südamerikanische Land reisen. Theoretisch
könnte das Abkommen danach schon bald vorläufig angewandt werden.
Denkbar ist aber auch, dass die zuständige Kommission noch ein
ausstehendes Votum des Europäischen Parlaments abwartet./aha/DP/nas
AXC0170 2026-01-09/14:28
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Autor: - dpa-AFX
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