| ROUNDUP 4: Sorge vor staatlicher Gewalt bei Massenprotesten im Iran |
| 09.01.2026 16:15:00 |
(neu: Mit Reaktion aus Berlin und Brüssel.)
TEHERAN (dpa-AFX) - Inmitten massiver Proteste gegen die autoritäre
Staatsführung ist der Iran fast vollständig von der Außenwelt
abgeschnitten. Nur sehr wenige Informationen dringen nach außen. Die
Bevölkerung ist vom Internet abgeschnitten. Damit reagiert die
Staatsführung auf die bislang heftigsten Demonstrationen seit Beginn
der Unruhen Ende Dezember.
Wie bei früheren Protestwellen wächst die Sorge vor brutaler
staatlicher Repression. Die Bundesregierung verurteilte die Gewalt
iranischer Sicherheitskräfte. "Wir rufen das iranische Regime auf,
jede Art von Gewalt gegen Demonstrantinnen und Demonstranten
umgehend einzustellen", forderte der stellvertretende
Regierungssprecher Steffen Meyer in Berlin. Die EU-Außenbeauftragte
Kaja Kallas sagte: "Die Abschaltung des Internets bei gleichzeitiger
gewaltsamer Unterdrückung der Proteste entlarvt ein Regime, das vor
seinem eigenen Volk Angst hat."
Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei stellte einen harten
Kurs gegen die Demonstrierenden in Aussicht. Auch die Justiz drohte
mit einer Bestrafung ohne Nachsicht. Menschenrechtsorganisationen
zufolge sind schon jetzt Dutzende Menschen von Sicherheitskräften
getötet worden. Auch auf Seite der Staatskräfte soll es Todesopfer
geben.
Am Donnerstag waren die Proteste im Iran eskaliert. Nachdem in den
Tagen zuvor vor allem in ländlichen Regionen im Westen des Landes
demonstriert worden war, erfassten die Unruhen nun auch die
Metropolen. In Teheran und in Maschhad strömten Menschenmassen auf
Plätze und Hauptverkehrsadern. Aufgerufen zu dem jüngsten Protest
hatte Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, der aus dem
Exil eine Führungsrolle in der Opposition für sich beansprucht.
Bevölkerung vom Internet abgeschnitten
Wegen der Internetsperre war am Freitag zunächst unklar, wie sich
die Proteste im Land weiterentwickeln. Airlines strichen
vorübergehend Flüge in das Land. In sozialen Medien kursierten
Videos von Aktivisten, die verletzte und blutüberströmte
Demonstrierende zeigen sollen. Unabhängig überprüfen ließen sich die
Aufnahmen zunächst nicht. Bilder aus den Millionenmetropolen zeigten
Menschenmassen auf den Straßen - in einem Ausmaß, wie es seit Jahren
nicht mehr zu sehen war.
Nur der staatliche Rundfunk veröffentlicht auf seinem Telegram-Kanal
noch offizielle Nachrichten aus dem Land. Andere Medien mussten ihre
Arbeit einstellen. Daten des IT-Unternehmens Cloudflare zeigten
einen Einbruch des Web-Traffics um 99,9 Prozent. Ein kleiner Teil
des Militär- und Machtapparats dürfte das Internet weiter frei
nutzen können. Auch per Telefon waren Kontakte im Iran zunächst
nicht mehr erreichbar.
Sorge vor gewaltsamer Niederschlagung der Proteste
Die vollständige Internetsperre weckt Erinnerungen an das staatliche
Vorgehen vor rund sechs Jahren: Damals protestierten vor allem
Menschen wegen stark gestiegener Benzinpreise. Der Staat verhängte
eine fast einwöchige Internetsperre, während der nach Schätzungen
von Menschenrechtlern Hunderte Demonstrierende getötet wurden. In
sozialen Medien äußerten viele Iranerinnen und Iraner die Sorge vor
einer Wiederholung der Gewalt.
Irans oberster Führer Chamenei verurteilte die Proteste. In einer am
Freitag veröffentlichten Rede sprach der 86-Jährige von
"Unruhestiftern" und "dem Land schädlichen" Menschen. "Es gibt auch
Leute, deren Arbeit Zerstörung ist", sagte er. Sie richteten
Zerstörung an, "nur damit sich der Präsident der Vereinigten Staaten
freut", sagte das Staatsoberhaupt mit Blick auf Donald Trump. Der
US-Präsident hat der iranischen Führung bereits mehrfach mit einem
Einschreiten gedroht, sollte die Staatsmacht Demonstranten töten.
Chamenei signalisiert hartes Vorgehen gegen Proteste
Noch am Mittwoch hatte Irans Präsident Massud Peseschkian die
Sicherheitskräfte zur Zurückhaltung aufgerufen und betont, der Staat
werde bei friedlichen Protesten maßvoll reagieren. Doch nun
signalisierte Chamenei, der zugleich Oberbefehlshaber der
Streitkräfte sowie politisches und religiöses Oberhaupt des Landes
ist, ein hartes Vorgehen. "Die Islamische Republik ist mit dem Blut
von mehreren Hunderttausend ehrenhaften Menschen an die Macht
gekommen", zitierte ihn der staatliche Rundfunk. "Zerstörerischem
Handeln" werde man nicht nachgeben.
Justiz kündigt harte Strafen an
Dazu passend drohte Irans Justiz den Demonstrierenden. "Die
Bestrafung der aufrührerischen und unruhestiftenden Elemente wird
entschlossen, maximal und ohne jegliche gesetzliche Nachsicht
erfolgen", sagte Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi dem
staatlichen Rundfunk zufolge. Bei vergangenen Protestwellen hatte
die Justiz auch Todesurteile verhängt. Im Herbst 2022 waren
Menschenmassen unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit" auf die
Straße gegangen. Im Zusammenhang mit den Aufständen ließ der Staat
danach mindestens zwölf Menschen hinrichten.
Ausgelöst wurden die Demonstrationen Ende Dezember durch eine
massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der
landeseigenen Währung Rial. In Teheran gingen daraufhin wütende
Händler auf die Straße. Inzwischen haben sich die Proteste auf das
ganze Land ausgeweitet. Schon davor war die Unzufriedenheit in der
Bevölkerung angesichts von Dauerkrisen gestiegen. Auch für
Freitagabend hatte Pahlavi zu weiteren Protesten
aufgerufen./arb/DP/men
AXC0196 2026-01-09/16:15
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Autor: - dpa-AFX
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