| ROUNDUP 3: Polizeigewalt kann Proteste im Iran nicht stoppen |
| 11.01.2026 20:05:00 |
Die Massenproteste im Iran halten
trotz wachsender Todeszahlen, exzessiver Drohungen des
Sicherheitsapparats und einer nahezu vollständigen Internetsperre
an. Laut Aktivisten haben sich die Demonstrationen auf 185 Städte
ausgeweitet.
Mindestens 490 Demonstranten seien getötet worden, berichtete der
US-Fernsehsender CNN unter Berufung auf das Menschenrechtsnetzwerk
HRANA mit Sitz in den USA. Weitere rund 10.700 Menschen seien
festgenommen worden. Der "Axios"-Korrespondent Barak Ravid hatte
zuvor auf X gemeldet, dass laut einem israelischen Regierungsbeamten
mehr als 1.000 Menschen im Iran getötet worden sein sollen. Diese
Zahlen lassen nicht unabhängig überprüfen.
Die tatsächliche Zahl der Todesopfer könnte höher sein. Die
iranischen Sicherheitsbehörden haben die Kommunikation durch
Internetsperren und blockierte Telefonleitungen stark eingeschränkt.
Eine Verbindung zur Außenwelt ist nur über das
Starlink-Satellitensystem möglich, sofern die dafür notwendigen
Terminals illegal ins Land gebracht wurden.
Laut einer Analyse des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW)
verschärft die iranische Führung die Unterdrückung von Protesten.
Demonstranten würden nicht mehr als "Randalierer", sondern als
"Terroristen" bezeichnet. Mit dieser Charakterisierung werde
wahrscheinlich ein weiteres hartes Vorgehen gegen die Proteste
gerechtfertigt. Irans Führung betrachte die Proteste zunehmend als
militärisches Problem und nicht mehr als eine Frage der
Strafverfolgung oder der Kontrolle von Menschenmengen.
Irans Parlamentspräsident droht mit Vernichtung der Demonstrierenden
Der iranische Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf warf der
Protestbewegung vor, eine Grundlage für eine Militärintervention der
USA schaffen zu wollen. Die "Feinde" müssten jedoch wissen, dass die
Verteidiger des Landes sie vernichten würden, sagte Ghalibaf laut
Übersetzung des iranischen Propagandakanals Press TV.
Er bezeichnete die Demonstrationen als einen von den USA
inszenierten "terroristischen Krieg" gegen den Iran. Ghalibaf
drohte, dass jede Attacke der USA zu Vergeltungsschlägen gegen
regionale US-Militärstützpunkte und auf Israel führen werde.
US-Präsident Trump warnt die Führung in Teheran
US-Präsident Donald Trump hatte kurz zuvor den Teilnehmern der
Massenproteste gegen die Staatsführung im Iran Unterstützung
zugesichert. "Der Iran strebt nach FREIHEIT, vielleicht wie nie
zuvor. Die USA sind bereit zu helfen!!!", hatte Trump auf seiner
Plattform Truth Social geschrieben. Wie die Hilfe aussehen soll, ist
unklar.
Die "New York Times" meldete unter Berufung auf US-Beamte, Trump sei
in den vergangenen Tagen über neue Optionen für Militärschläge im
Iran informiert worden. Er erwäge ernsthaft, seine Drohung
wahrzumachen, das Land wegen der Unterdrückung der Proteste
anzugreifen.
Der Iran-Experte Ali Vaez zeigte auf X ein Dilemma auf: "Wenn die
USA zu wenig tun, könnten sie möglicherweise nichts bewirken. Wenn
sie zu viel tun, könnten sie möglicherweise alles zerstören, mit
unvorhersehbaren Folgen für alle."
Israels Armeeführung erklärte, die Proteste seien eine interne
Angelegenheit des Irans. Dennoch seien die Streitkräfte defensiv
vorbereitet. "Wir werden in der Lage sein, bei Bedarf mit Macht zu
reagieren", hieß es weiter.
Wadephul: Sanktionen wirken
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul, der auf dem Weg in die
USA ist, forderte in der ZDF-Sendung "Berlin direkt" die iranische
Staatsführung auf, freie Wahlen zuzulassen und das Internet wieder
einzuschalten. Er wolle sich in Washington informieren, was die
US-Regierung plane. "Wir sind jedenfalls der Meinung, dass gegen
dieses Regime vieles unternommen werden muss." Dazu zähle auch die
Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation. Der
CDU-Politiker bekannte sich zu der bisherigen Linie gegenüber den
Herrschern in Teheran: "Das, was wir jetzt an Protesten sehen, ist
eine Folge von Sanktionen. Das heißt, Sanktionen wirken."
Schah-Sohn ruft zu neuen Demonstrationen im Iran auf
Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, rief zu weiteren
Demonstrationen auf. "Ich bitte Sie alle, sich mit Ihren Freunden
und Familienangehörigen in Gruppen auf die Hauptstraßen der Städte
zu begeben. Trennen Sie sich unterwegs nicht voneinander oder von
der Menschenmenge und nehmen Sie keine Seitenstraßen, die Ihr Leben
gefährden könnten", sagte Pahlavi laut einer englischen Übersetzung
seiner Rede, die auf X veröffentlicht wurde. Aus seinem Exil in den
USA heraus beansprucht er eine Führungsrolle in der Opposition.
Am Samstag hatte Pahlavi noch zu landesweiten Streiks in
Schlüsselbranchen wie der Öl-, Gas- und Energieindustrie aufgerufen.
Er forderte außerdem Demonstranten dazu auf, zentrale Plätze in
Städten zu besetzen und zu kontrollieren. Wegen der Internetsperre
ist unklar, ob und in welchem Ausmaß Menschen seinem Aufruf gefolgt
sind.
Kritiker: Aufruf brachte Demonstranten in Gefahr
Ein Kritiker schrieb auf Englisch auf X, Pahlavi hätte in seiner
Erklärung zu Disziplin und Gewaltlosigkeit aufrufen sollen. Sein
Aufruf, "die Zentren der Städte zu erobern und zu kontrollieren",
habe Demonstranten in Gefahr gebracht. Angesichts der zu erwartenden
Reaktion der schießwütigen iranischen Behörden halte er diesen
Ansatz für unverantwortlich.
Pahlavis aktueller Erfolg sei weniger seinen Führungsqualitäten zu
verdanken, schrieb der iranische Kritiker Sadegh Sibakalam, sondern
vielmehr der Unfähigkeit, Misswirtschaft sowie den
Fehlentscheidungen der Staatsführung geschuldet.
Proteste dauern seit zwei Wochen an
Die Proteste hatten Ende Dezember begonnen, ausgelöst durch eine
massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der Währung
Rial. In Teheran gingen zunächst wütende Händler auf die Straße.
Danach weiteten sich die Proteste auf das gesamte Land aus. Das
genaue Ausmaß bleibt jedoch auch wegen der Internetsperre weiter
unklar.
Solidaritäts-Demos in Berlin und Frankfurt
Aus Solidarität mit den Demonstranten im Iran gingen auch in Berlin
und Frankfurt am Main Menschen auf die Straße. Rund 1.400 Menschen
hätten sich in Berlin an einer Demonstration vom Kurfürstendamm zum
Adenauerplatz beteiligt, sagte ein Sprecher der Polizei. Am
Wittenbergplatz hätten sich rund 300 Menschen versammelt. In
Frankfurt gingen nach Angaben der Polizei bei mehreren
Veranstaltungen rund 1.800 Menschen auf die Straße./da/DP/zb
AXC0061 2026-01-11/20:05
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Autor: - dpa-AFX
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