| ROUNDUP: Braucht Deutschland neue Gaskraftwerke? |
| 16.01.2026 12:11:00 |
Neue Gaskraftwerke braucht das Land - oder doch
nicht? Für die Bundesregierung ist die Sache klar: auf jeden Fall.
Das soll die Stromversorgung weiterhin sichern - auch nach dem
geplanten Abschalten der letzten Kohlekraftwerke 2038. Mit der
EU-Kommission hat sich die Regierung jetzt auf Eckpunkte einer
sogenannten Kraftwerksstrategie geeinigt.
Sie sieht unter anderem einen staatlich geförderten Neubau von
Gaskraftwerken vor, die spätestens 2031 in Betrieb gehen sollen. Sie
sollen alle auch mit Wasserstoff betrieben werden können. Die
Umstellung soll spätestens bis 2045 erfolgen, bis zu dem Jahr will
Deutschland Klimaneutralität erreichen. Neue Gaskraftwerke sind seit
Jahren im Gespräch. Brüssel muss die deutschen Pläne noch final
genehmigen.
Was genau ist geplant?
In einem ersten Schritt sollen noch in diesem Jahr zwölf Gigawatt
(GW) neue, sogenannte steuerbare Kapazitäten ausgeschrieben werden.
Zehn Gigawatt davon sollen auch über einen längeren Zeitraum Strom
erzeugen können, das zielt auf Gaskraftwerke. Zur Einordnung: Ein
großes modernes Gaskraftwerk hat oft eine Leistung zwischen 500 und
800 Megawatt. Das Ministerium plant in den Folgejahren außerdem
weitere Ausschreibungen.
Vorgesehen sind zudem Anreize, damit Gaskraftwerke bereits vor 2045
auf Wasserstoff umgestellt werden. Ab 2032 ist ein
technologieoffener "Kapazitätsmarkt" geplant. Im Kern geht es darum,
dass Anbieter dafür honoriert werden, dass sie Kapazitäten
bereitstellen - auch wenn diese möglicherweise nur wenige Stunden im
Jahr laufen.
Werden diese neuen Gaskraftwerke wirklich gebraucht?
Ja, sagt etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). "Der
Bau neuer Gaskraftwerke ist durch den steigenden Anteil erneuerbarer
Energien an unserem Strommix unerlässlich, um auch in sogenannten
Dunkelflauten die Versorgungssicherheit in Deutschland
aufrechtzuerhalten und extreme Preisspitzen zu vermeiden", sagte der
stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch.
Gerade für die Industrie hat Versorgungssicherheit höchste
Priorität. "Dunkelflauten" sind Phasen, in denen keine Sonne scheint
und kein Wind weht. Dazu kommt, dass der notwendige Ausbau der
Stromnetze nicht schnell genug vorankommt. Um die volatile
Stromversorgung der erneuerbaren Energien abzusichern, sollen als
Reserve Gaskraftwerke einspringen - die dann aber nur eine kurze
Zeit im Jahr laufen.
Neue Gaskraftwerke sicherten den beschlossenen Ausstieg aus der
Kohleverstromung ab, indem sie den Verlust großer regelbarer
Kapazitäten ausglichen, sagte Lösch. Aus der Kernenergie ist
Deutschland bereits ausgestiegen. Aus der Kohleverstromung will
Deutschland schrittweise bis zum Jahr 2038 aussteigen. Damit geht
viel "steuerbare" und gesicherte Leistung verloren. Eine RWE
-Sprecherin nannte die Einigung einen wichtigen
Schritt für die Versorgungssicherheit in Deutschland.
Lisa Just vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität
Köln sagte, mit dem Ausbau von Wind- und Photovoltaikanlagen bei
einem gleichzeitigen Kohleausstieg entstehe ein Stromsystem, das
immer weniger gesicherte Erzeugungsleistung vorweisen könne. Zwar
entstünden durch die zunehmende Elektrifizierung und den
Batterieausbau kurzfristige Flexibilitätspotenziale. Diese seien
jedoch nicht in der Lage, die fehlende Erzeugung in Phasen
mehrtägiger oder gar mehrwöchiger Perioden von Dunkelflauten
auszugleichen.
Inwiefern drohen sonst Versorgungslücken?
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) nannte
den Kraftwerkszubau "besonders dringlich", um die
Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hauptgeschäftsführerin
Kerstin Andreae sagte: "Nahezu alle Modellierungen bis hin zum
Versorgungssicherheitsbericht der Bundesnetzagentur sagen voraus,
dass Deutschland droht, in den kommenden Jahren bei Beibehaltung der
aktuellen regulatorischen Vorgaben in eine Versorgungslücke
hineinzulaufen, wenn wir keine steuerbaren Kapazitäten zubauen."
Mit der Transformation des Energiesystems müssten Maßnahmen
ergriffen werden, um die Versorgungssicherheit langfristig auf dem
aktuellen Spitzenniveau zu halten. Mit Transformation gemeint ist
vor allem der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien aus Wind und
Sonne.
Auch der Verband Gas- und Wasserstoffwirtschaft befürwortet die
Pläne. "Ohne neue regelbare Kraftwerke wird Strom in Deutschland
knapper und damit teurer", sagte Vorstand Timm Kehler. Allerdings
reichten die geplanten zwölf Gigawatt nicht aus. "Nach Atomausstieg
und Kohleausstieg brauchen wir bis 2035 noch deutlich mehr
gesicherte Leistung, um Dunkelflauten abzusichern."
Gibt es auch kritische Stimmen?
Ja. Die Deutsche Umwelthilfe etwa hält den Neubau von Gaskraftwerken
zur Absicherung besonderer Situationen im Strommarkt wie etwa eine
längere Dunkelflaute für notwendig - allerdings nur als "Notnagel".
Vor dem Neubau von Gaskraftwerken sei eine ganze Reihe von anderen
Maßnahmen notwendig, betont der Bundesgeschäftsführer der DUH,
Sascha Müller-Kraenner: "Der weitere und regional gesteuerte Ausbau
der erneuerbaren Energien, der Ausbau von Übertragungs- und
Verteilnetzen, die bessere Vernetzung mit europäischen Nachbarn, der
Anschluss von (Batterie-)Speichern sowie die Flexibilisierung der
Nachfrage", zählt er auf.
Erst am Ende dieser Kette stünden als "Notnagel" die Gaskraftwerke.
Die Bundesregierung überspringe diese Maßnahmen und konzentriere
sich alleine auf Gaskraftwerke.
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung
sagte, für die Versorgungssicherheit seien neue fossile
Gaskraftwerke nicht grundsätzlich notwendig. "Ein großflächiger
Neubau würde neue fossile Abhängigkeiten schaffen und ist
klimapolitisch wie ökonomisch problematisch." Versorgungssicherheit
lasse sich kostengünstiger und klimafreundlicher erreichen - etwa
durch Stromspeicher, Netzausbau, europäische Vernetzung und
nachhaltiges Biogas.
Einen anderen Punkt nennt Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin
der Deutschen Industrie- und Handelskammer: "Versorgungssicherheit
ist für die Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Dazu gehören in
gewissem Umfang auch moderne Gaskraftwerke." Ein staatlich
festgelegter und subventionierter Bau von Gaskraftwerken sei jedoch
der falsche Weg. Besser wären aus ihrer Sicht marktwirtschaftliche
Instrumente. "Effizienter und günstiger als Subventionen für neue
Gaskraftwerke wäre eine Pflicht für Stromversorger, Stromlieferungen
am Markt abzusichern."
Wie teuer wird das Ganze?
Das ist noch unklar. Aber die staatliche Förderung dürfte in den
kommenden Jahren Milliarden kosten. Das Geld könnte aus dem
Bundeshaushalt kommen - es könnte zugleich aber eine neue Umlage für
Energiekunden geben. "Durch Subventionen für neue Gaskraftwerke legt
sich Deutschland für viele Jahre auf eine bestimmte und teure
Technologie fest", sagte Melnikov. "Das belastet auch die
Stromverbraucher, die die Kosten letztlich über eine zusätzliche
Umlage tragen müssen. Hier geht es nicht um ein paar Euro mehr auf
der Stromrechnung, sondern in Summe um mindestens fünf Milliarden
Euro im Jahr."
Die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, Ursula
Heinen-Esser, kritisierte, in der Grundsatzeinigung liege ein zu
starker Fokus auf fossilem Gas. Ob diese großen
Kraftwerkskapazitäten in den kommenden Jahren überhaupt benötigt
würden, sei ebenso offen wie die Auswirkungen, die sie auf die
Strompreise haben werden.
Wer soll die Kraftwerke bauen?
Mehrere Energiekonzerne stehen schon in den Startlöchern. So hat
etwa RWE an drei Standorten in NRW Kraftwerke geplant. Insgesamt
drei Gigawatt an neuer flexibler Kraftwerkskapazität in Deutschland
könne man sich vorstellen, sagte RWE-Finanzvorstand Michael Müller
im vergangenen Herbst. Auch Uniper steht nach eigenen
Angaben bereit, sich mit rund zwei Gigawatt wasserstofffähigen
Kraftwerken einzubringen. Auch die Steag Iqony Group will sich an
den Auktionen mit bis zu zwei Gigawatt beteiligen./hoe/DP/stk
ISIN DE000ENAG999 DE0007037129 DE000UNSE018
AXC0117 2026-01-16/12:11
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Autor: - dpa-AFX
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