| ROUNDUP 2/'Fast drei Wochen': Merz kritisiert Fehltage wegen Krankheit |
| 17.01.2026 18:35:00 |
Wegen des hohen Krankenstands in Deutschland
nimmt Bundeskanzler Friedrich Merz erneut die telefonische
Krankschreibung ins Visier. Darüber müsse man mit dem
Koalitionspartner SPD sprechen, sagte der CDU-Chef im Wahlkampf vor
der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März. Die Äußerungen trafen
bei SPD, Grünen, Linken und BSW auf Kritik.
"Wirklich notwendig?"
Merz sagte in Bad Rappenau, die Beschäftigten in Deutschland kämen
im Schnitt auf 14,5 Krankentage. "Das sind fast drei Wochen, in
denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht
arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?"
Man müsse sich darüber unterhalten, wie man Anreize schaffe, dass
die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, sagte der CDU-Chef. Die
telefonische Krankschreibung nannte er als Beispiel. Diese gilt seit
2021, die Union dringt auf eine Abschaffung. "Während der Coronazeit
begründet richtig, heute immer noch?", fragte der Kanzler.
Er sagte auch: "Am Ende des Tages muss stehen, dass wir alle
zusammen in dieser Bundesrepublik Deutschland eine höhere
volkswirtschaftliche Leistung gemeinsam erreichen, als wir sie
gegenwärtig erreichen."
"Krankmachende Arbeitsbedingungen"
Der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wandte sich im
"Tagesspiegel" gegen ein Ende der telefonischen Krankschreibung.
Eine Verbesserung beim Krankenstand lasse sich durch
"Vorbeugemedizin" erreichen. "Das gelingt uns durch Früherkennung,
etwa von Bluthochdruck, durch eine Erhöhung der Tabaksteuer und
andere präventive Maßnahmen - und nicht durch Gängelei der Kranken."
Auch Linken-Bundesgeschäftsführer Janis Ehling meinte: "Wer den
hohen Krankenstand beklagt, sollte über Überlastung, Personalmangel
und krankmachende Arbeitsbedingungen reden, statt Beschäftigten
fehlende Arbeitsmoral zu unterstellen." Grünen-Chefin Franziska
Brantner sagte, wirtschaftlich sei es klar, "dass wir mehr arbeiten
müssen". Nötig seien aber gute Rahmenbedingungen, etwa verlässliche
Kinderbetreuung.
Der BSW-Vorsitzende Fabio De Masi kritisierte, der Kanzler stelle
Millionen Beschäftigte unter Generalverdacht, während die Regierung
selbst wenig leiste. "Das Problem der deutschen Wirtschaft ist nicht
der Krankenstand derjenigen, die den Laden am Laufen halten, sondern
die miserable Wirtschaftspolitik mit hohen Energiepreisen und
kaputter Infrastruktur", sagte De Masi.
Elektronische Erfassung
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer in Deutschland 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage
krank gemeldet - ein Anstieg um 3,6 Krankheitstage im Vergleich zu
2021. Die Zunahme dürfte nach Einschätzung des Bundesamts unter
anderem auf die Einführung der elektronischen
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Anfang 2022 zurückzuführen sein.
Damit würden die Krankmeldungen vollständiger erfasst.
Davon geht auch eine Studie der Krankenkasse AOK von Anfang 2025
aus. Treiber für zusätzliche Fehltage seien unter anderem
Atemwegserkrankungen. Bei der telefonischen Krankschreibung sah die
AOK-Studie hingegen "keinerlei Anzeichen für einen systematischen
Missbrauch". Drei von vier für die Studie befragten Beschäftigten
nannten die telefonische Krankschreibung damals sinnvoll oder sehr
sinnvoll, weil man nicht krank zum Arzt müsse und Kontakt zu anderen
Patienten im Wartezimmer vermeiden könne.
Klausel im Koalitionsvertrag
Union und Arbeitgeberverbände fordern trotzdem schon länger das Ende
der telefonischen Krankschreibung. CSU-Chef Markus Söder sagte
zuletzt, die Abschaffung sei ein wichtiger Ansatz: "Das Blaumachen
muss reduziert werden." Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist
jedoch nicht von Abschaffung, sondern von Korrekturen die Rede: "Die
telefonische Krankschreibung werden wir so verändern, dass
Missbrauch zukünftig ausgeschlossen ist (zum Beispiel Ausschluss der
Online-Krankschreibung durch private Online-Plattformen)."
Auch immer wieder im Gespräch: Sogenannte Karenztage und die
Einschränkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte zu Jahresbeginn:
"Internationale Erfahrungen zeigen: Je großzügiger die
Lohnfortzahlung, desto höher die Fehlzeiten, vor allem bei leichten
Erkrankungen."/dna/DP/zb
AXC0053 2026-01-17/18:35
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Autor: - dpa-AFX
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