| Chemiebranche in Ostdeutschland: unter Druck - trotzdem höhere Löhne? |
| 20.01.2026 06:26:00 |
Wie geht es weiter mit der Chemieindustrie in
Ostdeutschland? Diese Frage steht nicht erst seit Mitte Januar im
Raum, als das belgische Unternehmen Domo Chemicals mitteilte, die
Produktion an seinen drei deutschen Standorten in Sachsen-Anhalt und
Brandenburg sofort zu stoppen. Schon länger ist klar: Ein Teil der
Anlagen des großen US-Konzerns Dow Chemical sollen stillgelegt
werden. So gehen Jobs, Perspektiven und Geld verloren. Die Branche
steht unter enormem Druck. Kann in so einer Situation an
Lohnerhöhungen gedacht werden?
Die Gewerkschaft IG BCE meint: ja. In der Chemie-Tarifrunde 2026
wurde deshalb eine Forderung nach Einkommenserhöhungen zur Stärkung
der Kaufkraft sowie zur Beschäftigungssicherung beschlossen. "Die
Lage der chemischen Industrie ist vor allem in der Grundstoffchemie
in unserem Tarifbezirk aufgrund von wirtschafts- und
handelspolitischen Herausforderungen kritisch", sagte die IG
BCE-Landesbezirksleiterin Nordost, Stephanie Albrecht-Suliak, der
Deutschen Presse-Agentur. Für eine gute Zukunft der Chemie in
Ostdeutschland brauche es "jetzt sichere Perspektiven und gute
Löhne".
Rund 48.000 Beschäftigte in ostdeutscher Chemie
Am Dienstag soll darüber mit der Arbeitgeberseite verhandelt werden.
Sie wies die IG BCE-Forderung zurück. Statt eine Erhöhung der
Einkommen brauche die Branche eine "tarifpolitische "Atempause"",
hieß es. Nur so könnten Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen und
Arbeitsplätze gesichert werden. "Wir brauchen einen Tarifabschluss,
der die Krise anerkennt und nicht verschärft", sagte der
Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie, Jens
Haselow, der dpa. Oberstes Ziel müsse der Schutz des Chemiestandorts
Ostdeutschland und die Sicherung von Arbeitsplätzen sein.
Den Angaben nach geht es bei den regionalen Tarifverhandlungen um
die Arbeitsbedingungen von rund 48.000 Beschäftigten der
tarifgebundenen Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie
in Ostdeutschland. Der IG BCE nach hat die chemisch-pharmazeutische
Industrie in Ostdeutschland einen Jahresumsatz von über 30 Millionen
Euro.
Konkurrenz in anderen Ländern
Die Ost-Chemie leidet momentan unter hohen Energiepreisen und
schwacher Auslastung. Derzeit liegt die Produktionsauslastung dem
Verband Nordostchemie nach in der Chemie bei unter 70 Prozent und
damit historisch tief.
Auch Bürokratie und hohe Arbeitskosten sorgen für weniger
Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem ist die Nachfrage schwach. Im
Vergleich zu 2018 wird Nordostchemie zufolge derzeit rund 20 Prozent
weniger produziert. Auch bundesweit steht die Industrie unter Druck
- auch wegen zunehmender internationaler Konkurrenz, unter anderem
aus China.
In für die Branche unsicheren Zeiten wollen Vertreterinnen und
Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern also darüber
verhandeln, wie ein Kompromiss zwischen den zwei weit
auseinanderliegenden Standpunkten aussehen könnte. Beim
"Chemiegipfel Ostdeutschland" Mitte Dezember vergangenen Jahres
hatten Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften eindringlich vor einem
weiteren Niedergang der Branche gewarnt und rasches politisches
Handeln gefordert.
Weitreichende Auswirkungen der Chemie-Krise
In Ostdeutschland zeigt sich die Zuspitzung der Lage besonders
deutlich. Dow Chemical hatte schon vor einigen Monaten
bekanntgegeben, dass ein Teil seiner Anlagen in Schkopau
(Sachsen-Anhalt) und Böhlen (Sachsen) Ende 2027 geschlossen werden
soll. Vor wenigen Wochen meldete nun Domo Chemicals für drei
deutsche Tochterfirmen Insolvenz an.
Für den Weiterbetrieb am Domo-Standort in Leuna ist zwischenzeitlich
das Land Sachsen-Anhalt eingesprungen - aus Gründen der
Gefahrenabwehr. Die Anlagen können derzeit nicht in den
Minimalbetrieb heruntergefahren werden. Dass das so ist, verschafft
den Insolvenzberatern Zeit, um vielleicht doch noch einen Investor
zu finden - und den Produktionsstopp so abwenden zu können. Das Land
geht nach Angaben des Landesverwaltungsamtes derzeit davon aus, dass
ein höherer einstelliger bis niedriger zweistelliger Millionenbetrag
für den Weiterbetrieb anfallen wird.
Weniger Produktion und Stilllegung haben immer auch einen
unmittelbaren Einfluss auf die Produktionskette, etwa auf
Zulieferfirmen. Nordostchemie nach hängen an jedem
Chemiearbeitsplatz drei bis vier Arbeitsplätze von Zulieferern oder
in angrenzenden Branchen./ija/DP/zb
ISIN US2605571031
AXC0037 2026-01-20/06:26
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Autor: - dpa-AFX
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