| ROUNDUP 3: Hoffnung auf Internet im Iran - Kriegssorge wächst |
| 23.01.2026 21:22:00 |
(aktualisierte Fassung)
TEHERAN (dpa-AFX) - Nach einer zweiwöchigen Internetsperre wächst
bei vielen Iranerinnen und Iranern die vorsichtige Hoffnung auf eine
Rückkehr zur globalen Vernetzung. Daten des IT-Unternehmens
Cloudflare zufolge erreichte der landesweite Datenverkehr beim
Aufrufen von Webseiten inzwischen wieder rund 30 Prozent des
üblichen Niveaus vor der Blockade.
Mit sogenannten Tunneldiensten (VPN) gelang es außerdem einigen
Bewohnern der Hauptstadt Teheran wieder WhatsApp-Nachrichten zu
verschicken. Apps des Facebook-Konzerns sind beliebt im Iran, aber
grundsätzlich gesperrt. Iranerinnen und Iraner, die am Freitag
wieder online gehen konnten, äußerten jedoch die Sorge, dass es sich
nur um eine temporäre Lockerung handelte.
USA kündigen Öl-Sanktionen an
Die USA wollen mit neuen Sanktionen die iranische Führung nach dem
brutalen Vorgehen gegen Protestierende unter Druck setzen. Im Fokus
stehen neun Schiffe und deren Eigentümer und mehrere
Managementfirmen, die iranisches Öl und Erdölprodukte im Wert von
Hunderten Millionen US-Dollar transportierten, wie das
US-Finanzministerium mitteilte. Die USA gehen davon aus, dass damit
Terror finanziert werde. Sie wollen mit den Sanktionen Ölverkäufe
verhindern und die Führung Irans finanziell schwächen.
Irans Justiz: Exekutionen sind nicht gestoppt
Unterdessen dementierte Irans Justiz Aussagen von US-Präsident
Donald Trump, wonach die Exekution von 800 Demonstranten gestoppt
worden sei. "Diese Behauptung ist völlig falsch. Weder existiert
eine solche Zahl noch hat die Justiz eine derartige Entscheidung
getroffen", zitierte der staatliche Rundfunk den Generalstaatsanwalt
Mohammed Mowahedi-Asad.
Trump hatte vor einer Woche gesagt, ein Militärangriff auf die
Führung der Islamischen Republik sei ausgeblieben, weil die Behörden
die Hinrichtung von 800 Menschen abgesagt hätten. Während der
Protestwelle gegen die autoritäre Regierung hatte er den
Demonstranten wiederholt seine Unterstützung zugesichert und rote
Linien für die Führung in Teheran gezogen - bisher ohne
Konsequenzen.
Trump: "Riesige Flotte" auf dem Weg Richtung Iran
Auch die Sorge vor einem Krieg steigt: Trump teilte am Donnerstag
mit, eine "riesige Flotte" sei auf dem Weg in die Gewässer nahe dem
Iran. Zuvor hatten US-Medien über die Verlegung des Flugzeugträgers
"USS Abraham Lincoln" und begleitender Schiffe berichtet. Der
Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Mohammed Pakpur, warnte
daraufhin vor einem Angriff: Die Streitkräfte stünden bereit "mit
dem Finger am Abzug".
Ein Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres sagte: "Wir
hoffen natürlich, dass alle notwendigen Schritte unternommen werden,
um eine Eskalation des Konflikts im Iran zu vermeiden." Die Region
könne sich keine Verschärfung des Konflikts leisten.
Türk: Aggressive Rhetorik ist kontraproduktiv
Bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf
warnte der Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, vor einer
militärischen Eskalation. "Aggressive Rhetorik und Drohungen sind
äußerst kontraproduktiv." Dass jemand für Menschenrechtsverletzungen
zur Rechenschaft gezogen werde, könne nicht "durch militärische
Gewalt aus dem Iran oder von außerhalb" erreicht werden, sagte er.
Der Rat verabschiedete am Abend eine Resolution, die unter anderem
die 2022 eingerichtete Untersuchungskommission beauftragt, die
jüngsten Gewaltausbrüche zu untersuchen. 25 der 47 Mitgliedsländer
stimmten dafür, 7 dagegen, darunter China, Kuba und Indien. Diese
Länder beharren aus Prinzip stets darauf, dass der Rat sich nicht in
innere Angelegenheiten von Ländern einmischen darf.
Iranische Journalisten kritisieren Internetsperre
Auch iranische Medien kritisierten die Blockade. "Journalistisches
Arbeiten ohne Internet ist wie Schwimmen mit gefesselten Händen",
sagte Mehdi Rahmanian, Chefredakteur der Tageszeitung "Shargh". Mit
Hohn reagierte das Webportal "Digiato": "Unter diesen Umständen
sollten wir umgehend das Brieftauben-System wieder einführen."
Der Staat hatte die Sperre offiziell mit Sicherheitsbedenken
begründet. Ali Akbar Purdschamschidian, Vorsitzender eines
nationalen Sicherheitsgremiums, verteidigte die Blockade am Mittwoch
im Staatsfernsehen. "Für die Bevölkerung gibt es das Thema
Sicherheit, und es gibt das Thema Wirtschaft", sagte der frühere
General. "Und in dieser Situation war uns die Sicherheit wichtiger."
Der Präsident der iranischen Industrie- und Handelskammer warnte
jüngst vor unvorhersehbaren Folgen für die Wirtschaft. Mehr als
400.000 Unternehmen seien in ihrer Existenz bedroht, sagte
Gholamhossein Schafei dem Onlineportal Asre-Eghtesad. Halte die
Internetsperre an, stehe der Lebensunterhalt von rund neun Millionen
Beschäftigten auf dem Spiel.
Aktivisten verifizieren mindestens 5.000 Tote bei Protesten
Die Proteste im Iran wurden Ende Dezember zunächst durch eine
Wirtschaftskrise ausgelöst. Rasch entwickelten sich die
Demonstrationen jedoch zu politischen Aufständen gegen das
autoritäre Herrschaftssystem der Islamischen Republik. Der
Sicherheitsapparat ging brutal gegen die Proteste vor und schlug sie
nieder. Inzwischen sind die Demonstrationen völlig verstummt.
Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA verifizierte
nach eigenen Angaben inzwischen 5.002 Tote, darunter 4.714
Demonstranten, 207 Staatskräfte, 42 Minderjährige und 39
Unbeteiligte. Weitere 9.787 Todesfälle würden untersucht. Zudem
seien rund 26.800 Menschen festgenommen worden, hieß es in dem
Bericht bei HRANA.
Staat: "Terroristen" verantwortlich für Tausende Tote
Nach offizieller staatlicher Darstellung gab es bei den Aufständen
3.117 Tote. Mehr als 2.400 seien aufgrund von terroristischen
Aktivitäten umgekommen, behauptete der iranische Botschafter in
Genf. Die Regierung macht die Erzfeinde Israel und USA für die
vielen Toten verantwortlich, die in den Nächten vom 8. und 9. Januar
gezielt "zahlreiche terroristische Handlungen" in weiten Teilen des
Landes verübt haben sollen./arb/DP/he
AXC0262 2026-01-23/21:22
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Autor: - dpa-AFX
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