| ROUNDUP: Gegenwind für Teilzeit-Vorstoß aus der Union |
| 26.01.2026 13:34:00 |
Der Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union, den
Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, trifft von vielen Seiten
auf Unverständnis und Kritik. "Die CDU ist nicht klug beraten, wenn
sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug
arbeiten", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela
Schwesig der Zeitschrift "Stern".
Es gebe ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen in Teilzeit
gehen. "Der Staat sollte hier nicht zwischen guten und schlechten
Gründen unterscheiden", sagte die SPD-Politikerin. Stattdessen sei
es wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise
Pflege und Beruf zu verbessern. "Dann werden sich mehr Menschen für
eine Vollzeitstelle entscheiden."
Auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende und rheinland-pfälzische
Ministerpräsident Alexander Schweitzer drückte im Deutschlandfunk
sein Unverständnis aus: "Von Lifestyle-Arbeitnehmern sehe ich wenig
in Deutschland und in meinem Land Rheinland-Pfalz, sondern ich sehe
ganz viele Menschen, die gucken, dass Arbeit, Familie und alles, was
ihnen wichtig ist, zusammenpasst."
Beschäftigte leisteten 2023 rund 1,3 Milliarden Überstunden
Das zeigten auch veröffentlichte Zahlen. So seien 1,3 Milliarden
Überstunden im Jahr 2023 registriert worden. Das seien Menschen in
Vollzeit oder Teilzeit, "die Überstunden leisten, weil sie richtig
fleißig sind". Die Unterstellung aus der Union, "dass wir ein Volk
der faulen Arbeitnehmer sind, hat ebenfalls mit den Realitäten
nichts zu tun", sagte Schweitzer.
"Tatsächlich ist es so: Viele Menschen, insbesondere Frauen und
ältere Menschen, sind unfreiwillig in Teilzeit", weil die
Rahmenbedingungen nicht stimmten oder das Unternehmen die benötigte
Personal- und Arbeitszeitpolitik nicht anbieten könne.
Wirtschaftsflügel der Union will Anspruch auf Teilzeit einschränken
Der Wirtschaftsflügel der Union will den Rechtsanspruch auf Teilzeit
einschränken, wie aus einem Antrag der Mittelstands- und
Wirtschaftsunion (MIT) an den CDU-Bundesparteitag im Februar
hervorgeht.
Es soll ihn nur noch geben, wenn besondere Gründe vorliegen. Dazu
zählt die MIT die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen
und berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung. Der Antrag trägt den
Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit". Widerspruch kam
nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus der CDU.
Widerspruch auch aus den eigenen Reihen - "Schnapsidee"
"Das Ganze ist eine Schnapsidee", sagte der rheinland-pfälzische
CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder. Die Debatte komme für ihn zur
Unzeit. "Ich selbst unterstütze dieses Vorgehen nicht", betonte
Schnieder. Statt über Einschränkungen bei der Teilzeit zu
diskutieren, sollte darüber gesprochen werden, wie es attraktiver
werden könne, Vollzeit zu arbeiten. Es müsse um steuerliche Anreize
und die Abgabenlast gehen.
Reiche: Mit mehr Vollzeit Arbeitsproduktivität steigern
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach sich für mehr
Vollzeitarbeit in Deutschland aus. Ziel sei es, die
Arbeitsproduktivität zu steigern, sagte die CDU-Politikerin
angesprochen auf den Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union.
In puncto Arbeitsproduktivität unterscheide sich Deutschland nicht
wesentlich von den USA. "Aber die Wochen- und Monats-Arbeitszeit ist
dann im Vergleich zu anderen Staaten - auch übrigens europäischen
Staaten - geringer", sagte Reiche. "Insofern ist mehr Vollzeitarbeit
kombiniert mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien, die das
brauchen, oder auch für pflegebedürftige Angehörige ein wichtiger
Baustein."
Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) will den
Teilzeitanspruch auf dem Prüfstand sehen. "Deutschland steht vor
großen Herausforderungen. Mehr Arbeit bedeutet mehr Wohlstand und
soziale Sicherheit." Man müsse auch über Korrekturen sprechen -
Denkverbote dürfe es nicht geben. "Wer das unzureichende Wachstum
beklagt, muss die Wachstumsbremsen lösen", so der Verband.
Ist "Lifestyle-Teilzeit" real?
Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule
Koblenz, sagte im Deutschlandfunk, es sei noch nie so viel
gearbeitet worden wie zurzeit. Er bezweifelt, dass es eine
nennenswerte Zahl an Lifestyle-Teilzeitbeschäftigten gibt. "Die
Gruppe derjenigen, die es sich leisten können, nur Teilzeit zu
arbeiten, die ist sehr, sehr gering, da reden wir vielleicht vom
einstelligen Prozentbereich", sagte Sell.
Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts-
und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der
Hans-Böckler-Stiftung kritisierte, der Vorstoß diffamiere
Teilzeittätigkeit, die in Deutschland überwiegend von Frauen
geleistet werde, als individuelle "Lifestyle Entscheidung". "Dabei
ist der hohe Anteil von Frauen, die derzeit teilzeiterwerbstätig
sind, Ergebnis von strukturellen Rahmenbedingungen."
Die Teilzeitquote in Deutschland lag 2025 mit rund 40 Prozent auf
Rekordniveau. Das führte nach Erkenntnissen des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aber nicht dazu, dass das
Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Denn Teilzeitbeschäftigte
arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt
im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden./cab/DP/jha
AXC0159 2026-01-26/13:34
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Autor: - dpa-AFX
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