| ROUNDUP 2: Nordsee-Anrainer treiben Ausbau der Windkraft voran |
| 26.01.2026 16:26:00 |
(neu: Zitate von Bundeskanzler Merz, wetterbedingte Einschränkungen)
HAMBURG (dpa-AFX) - Deutschland und andere Anrainerstaaten der
Nordsee treiben den Ausbau von Windenergie-Anlagen vor den Küsten
weiter voran. Dazu schlossen die Energieminister beim Nordsee-Gipfel
in Hamburg einen Investitionspakt mit der Windindustrie und den
Netzbetreibern. Bedingungen für Investitionen sollen verbessert und
Kosten gesenkt werden. Geplant sind Windparks mit einer
Stromanbindung an mehr als ein Land. Die Nordsee-Staaten einigten
sich darauf, bis zu 100 Gigawatt Erzeugungsleistung
grenzüberschreitend zu vernetzen. "Unser Ziel ist es, den größten
Energie-Hub der Welt zu entwickeln", sagte Wirtschaftsministerin
Katherina Reiche (CDU).
Bundeskanzler Friedrich Merz betonte zum Auftakt seines Treffens mit
fünf Regierungschefs, dass Sicherheitsfragen "eine besondere
Aktualität" in den vergangenen Wochen bekommen habe. "Das Thema
Sicherheit im Norden wird uns begleiten auch auf dieser Konferenz",
sagte er.
Schnee und Glatteis beeinträchtigten den Ablauf des Gipfels. Ein
Treffen der Energieminister auf dem Mehrzweck-Schiff "Neuwerk" im
Hamburger Hafen musste wegen witterungsbedingter Probleme bei der
Anreise ganz abgesagt werden. Eine Besichtigung der Regierungschefs
des auch als Eisbrecher genutzten Schiffs konnte nur in kleinem
Kreis stattfinden, weil die dänische Ministerpräsidentin Mette
Frederiksen und der luxemburgische Regierungschef Luc Frieden es
nicht rechtzeitig dorthin schafften.
Fast 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze sollen geschaffen werden
In der Investitionsvereinbarung werden der Industrie Ausschreibungen
für Windkraft-Anlagen in der Nordsee über 2030 hinaus zugesichert
und damit Planungssicherheit hergestellt. Im Gegenzug verpflichtet
sich die Branche, die Gesamtkosten für die Stromerzeugung bis 2040
um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5
Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000
zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.
"Mit dem konsequenten Ausbau und der intelligenten Vernetzung von
Offshore-Energie schaffen wir bezahlbare, saubere und sichere
Energie, reduzieren strategische Abhängigkeiten und erhöhen die
Resilienz Europas insgesamt", sagte Reiche. Durch den vermehrten Bau
sogenannter Kooperationsprojekte sollen bestehende Flächen
effizienter genutzt und Kosten verringert werden. Bei den Projekten
geht es um Offshore-Windparks mit Stromanbindung an mehr als ein
Land. Das soll mehr grenzüberschreitenden Stromhandel ermöglichen.
Anteil am Strommix soll deutlich steigen
Im vergangenen Jahr lag der Anteil der Offshore-Windparks an der
Deckung des Stromverbrauchs in Deutschland nach Angaben der
Energiebranche bei rund 5 Prozent. Insgesamt deckten erneuerbare
Energien fast 56 Prozent des Stromverbrauchs - den höchsten Anteil
hatten Windräder an Land, gefolgt von Solaranlagen. Der Anteil der
Windkraft auf See am Strommix könnte bis 2045 Prognosen zufolge auf
etwa 20 Prozent steigen.
Nach Angaben des europäischen Windverbands Wind Europe können
derzeit bereits 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit
Strom versorgt werden. Bei 300 GW im Jahr 2050 könnte die Zahl auf
mehr als 330 Millionen wachsen.
Zunehmende Angriffe auf Energie-Infrastruktur
Mit dem Ausbau der Windenergie-Gewinnung soll auch die Sicherheit
der Energie-Infrastruktur in der Nordsee gestärkt werden. "Nicht
erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen wir
zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur", sagte
Reiche. Stromnetze, Pipelines, wichtige Datenkabel, die für die
digitale Souveränität des Kontinents von entscheidender Bedeutung
seien, würden angegriffen "und deshalb ist zum ersten Mal die Nato
hochrangig hier vertreten".
Gipfel als Reaktion auf russischen Angriff auf Ukraine
Die Gipfel der Nordsee-Anrainer waren 2022 als Reaktion auf die
russische Invasion in der Ukraine ins Leben gerufen worden. Beim
ersten Treffen 2022 in Esbjerg in Dänemark ging es darum, Gas- und
Öl-Lieferungen aus Russland so schnell wie möglich mit Hilfe
erneuerbarer Energien zu ersetzen. "Jetzt ist der Zeitpunkt für den
Aufbruch, und jetzt brechen wir auf", sagte Bundeskanzler Olaf
Scholz (SPD) damals.
Nordsee soll zum "grünen Kraftwerk Europas" werden
Beim Nordsee-Gipfel 2023 wurde beschlossen, die Nordsee zum "grünen
Kraftwerk für Europa" auszubauen. Ziel ist es, bis 2050 gemeinsam
bis zu 300 Gigawatt (GW) Leistung in der Nordsee zu installieren.
Davon ist man aber noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 haben die
Anrainerstaaten nach Angaben des Bundesamts für Seeschifffahrt und
Hydrographie ungefähr 35 GW Leistung installiert. Das entspricht gut
einem Zehntel des Ausbauziels. Die größte Kapazität hat
Großbritannien mit rund 15 GW Leistung. Auf Deutschland entfallen
7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW.
An dem Gipfel nehmen zehn Staaten teil - sieben Nordsee-Anrainer
sowie Irland, Island und Luxemburg, das zwar keinen Meter Küste hat,
sich aber an der Windkraft-Finanzierung beteiligt. Der französische
Präsident Emmanuel Macron hatte nach Angaben aus dem Élysée-Palast
aus Termingründen abgesagt und auch der britische Premierminister
Keir Starmer kam nicht nach Hamburg.
Merz findet Windräder eigentlich "hässlich"
Gastgeber Merz hatte bereits vor dem Gipfel gefordert, die Nordsee
solle zum "größten Reservoir für saubere Energie weltweit" werden.
Im Wahlkampf hatte sich der CDU-Chef aber noch abschätzig zur
Windenergie geäußert. "Ich glaube sogar, dass wir, wenn wir was
richtig machen, eines Tages die Windkrafträder wieder abbauen
können, weil sie hässlich sind und weil sie nicht in die Landschaft
passen", sagte er im November 2024 im ZDF. Im Koalitionsvertrag mit
der SPD wurde der Ausbau der Windkraft und auch die Kooperation mit
den anderen Nordseeanrainern dann aber fest verankert.
Kritik der Umweltverbände: "Das Maß verloren"
Die Umweltverbände fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht
zulasten der Natur gehen darf. "Einige Akteure haben beim Ausbau der
Windenergie auf See das Maß verloren", sagt der Meeresexperte des
Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. "Ökologische Auswirkungen von
massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen
Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu
werden." Das Narrativ des "Kraftwerks Nordsee" sei fatal.
Auch Grönland könnte zum Thema werden
Der Gipfel bietet auch Gelegenheit, über Themen zu sprechen, die
nicht direkt mit der Nordsee zu tun haben. Mit der dänischen
Ministerpräsidentin Frederiksen könnte zum Beispiel noch einmal die
Grönland-Krise thematisiert werden. Allerdings ist die Krise in der
vergangenen Woche von den USA entschärft worden und mit den
Konsequenzen hat sich am Freitag bereits ein EU-Gipfel
befasst./mfi/DP/stw
ISIN DE0007037129 DK0061539921 DE000A0D6554 DE000ENER6Y0
AXC0203 2026-01-26/16:26
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Autor: - dpa-AFX
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