| ROUNDUP: Nordsee soll 'größter Energie-Hub der Welt' werden |
| 26.01.2026 20:33:00 |
Deutschland und andere Anrainerstaaten der
Nordsee wollen den Ausbau von Windenergie-Anlagen vor den Küsten
vorantreiben. In einer Hamburger Erklärung von Staats- und
Regierungschefs zum Nordsee-Gipfel heißt es, die Nordsee solle "zum
weltgrößten Drehkreuz" für saubere Energie gemacht werden. Vor allem
die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Windparks soll gestärkt
werden. Das soll den Ausbau effizienter machen und Kosten senken.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte: "Die Beschlüsse, die wir heute
hier in Hamburg getroffen haben, werden unsere Energieversorgung
sicherer, kostengünstiger und integrierter machen." Unterzeichnet
wurde die Erklärung von Deutschland, den Niederlanden, Belgien,
Dänemark, Norwegen, Frankreich, Großbritannien sowie Irland und
Luxemburg.
Investitionspakt soll Europa unabhängiger machen
Der Ausbau der Windkraft in der Nordsee soll Europa auch
unabhängiger von anderen Energielieferungen machen. In Hamburg
schlossen die Nordsee-Anrainerländer einen Investitionspakt mit der
Windindustrie und den Netzbetreibern. Bedingungen für Investitionen
sollen verbessert werden. Geplant sind Windparks mit einer
Stromanbindung an mehr als ein Land. Die Nordsee-Staaten einigten
sich darauf, bis zu 100 Gigawatt Erzeugungsleistung
grenzüberschreitend zu vernetzen. "Unser Ziel ist es, den größten
Energie-Hub der Welt zu entwickeln", sagte Wirtschaftsministerin
Katherina Reiche (CDU).
Fast 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze sollen geschaffen werden
In der Investitionsvereinbarung werden der Industrie Ausschreibungen
für Windkraft-Anlagen in der Nordsee über 2030 hinaus zugesichert
und damit Planungssicherheit hergestellt. Im Gegenzug verpflichtet
sich die Branche, die Gesamtkosten für die Stromerzeugung bis 2040
um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5
Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000
zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.
Anteil am Strommix soll deutlich steigen
Im vergangenen Jahr lag der Anteil der Offshore-Windparks an der
Deckung des Stromverbrauchs in Deutschland nach Angaben der
Energiebranche bei rund 5 Prozent. Insgesamt deckten erneuerbare
Energien fast 56 Prozent des Stromverbrauchs - den höchsten Anteil
hatten Windräder an Land, gefolgt von Solaranlagen. Der Anteil der
Windkraft auf See am Strommix könnte bis 2045 Prognosen zufolge auf
etwa 20 Prozent steigen.
Nach Angaben des europäischen Windverbands Wind Europe können
derzeit bereits 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit
Strom versorgt werden. Bei 300 GW im Jahr 2050 könnte die Zahl auf
mehr als 330 Millionen wachsen.
Zunehmende Angriffe auf Energie-Infrastruktur
Mit dem Ausbau der Windenergie-Gewinnung soll auch die Sicherheit
der Energie-Infrastruktur in der Nordsee gestärkt werden. "Nicht
erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen wir
zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur", sagte
Reiche. Stromnetze, Pipelines, wichtige Datenkabel, die für die
digitale Souveränität des Kontinents von entscheidender Bedeutung
seien, würden angegriffen.
Gipfel als Reaktion auf russischen Angriff auf Ukraine
Die Gipfel der Nordsee-Anrainer waren 2022 als Reaktion auf die
russische Invasion in der Ukraine ins Leben gerufen worden. Beim
ersten Treffen 2022 in Esbjerg in Dänemark ging es darum, Gas- und
Öl-Lieferungen aus Russland so schnell wie möglich auch mit Hilfe
erneuerbarer Energien zu ersetzen. "Jetzt ist der Zeitpunkt für den
Aufbruch, und jetzt brechen wir auf", sagte Bundeskanzler Olaf
Scholz (SPD) damals.
Nordsee soll zum "grünen Kraftwerk Europas" werden
Beim Nordsee-Gipfel 2023 wurde beschlossen, die Nordsee zum "grünen
Kraftwerk für Europa" auszubauen. Ziel ist es, bis 2050 gemeinsam
bis zu 300 Gigawatt (GW) Leistung in der Nordsee zu installieren.
Davon ist man aber noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 haben die
Anrainerstaaten nach Angaben des Bundesamts für Seeschifffahrt und
Hydrographie ungefähr 35 GW Leistung installiert. Das entspricht gut
einem Zehntel des Ausbauziels. Die größte Kapazität hat
Großbritannien mit rund 15 GW Leistung. Auf Deutschland entfallen
7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW.
An dem Gipfel nahmen zehn Staaten teil - sieben Nordsee-Anrainer
sowie Irland, Island und Luxemburg, das zwar keinen Meter Küste hat,
sich aber an der Windkraft-Finanzierung beteiligt. Der französische
Präsident Emmanuel Macron hatte nach Angaben aus dem Élysée-Palast
aus Termingründen abgesagt und auch der britische Premierminister
Keir Starmer kam nicht nach Hamburg.
Merz findet Windräder eigentlich "hässlich"
Gastgeber Merz hatte bereits vor dem Gipfel gefordert, die Nordsee
solle zum "größten Reservoir für saubere Energie weltweit" werden.
Im Wahlkampf hatte sich der CDU-Chef aber noch abschätzig zur
Windenergie geäußert. "Ich glaube sogar, dass wir, wenn wir was
richtig machen, eines Tages die Windkrafträder wieder abbauen
können, weil sie hässlich sind und weil sie nicht in die Landschaft
passen", sagte er im November 2024 im ZDF. Im Koalitionsvertrag mit
der SPD wurde der Ausbau der Windkraft und auch die Kooperation mit
den anderen Nordseeanrainern dann aber fest verankert.
In Hamburg sagte Merz dazu, er habe immer differenziert zwischen
Wind an Land und Wind auf See. Er komme aus einem Wahlkreis, in dem
der Ausbau der Windenergie sehr umstritten sei, weil er das
Landschaftsbild stark verändere. Merz hat seinen Wahlkreis im
Sauerland. Der Kanzler bezeichnete die Windkraft erneut als
"Übergangstechnologie": "Die wird uns 10 Jahre, 20 Jahre, vielleicht
30 Jahre begleiten."
Merz verwies auf den Koalitionsvertrag, dass Deutschland den ersten
Fusionsreaktor der Welt ans Netz nehmen wolle. "Wenn man in der Lage
sei, Fusionsenergie zu erzeugen, werde Strom sehr günstig, machte
Merz deutlich. "Und dann wird es in diesem Umfang andere
Energieerzeugungsmethoden wahrscheinlich nicht mehr brauchen." Dies
sei aber Zukunftsmusik.
Kritik der Umweltverbände: "Das Maß verloren"
Die Umweltverbände fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht
zulasten der Natur gehen darf. "Einige Akteure haben beim Ausbau der
Windenergie auf See das Maß verloren", sagt der Meeresexperte des
Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. "Ökologische Auswirkungen von
massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen
Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu
werden." Das Narrativ des "Kraftwerks Nordsee" sei fatal./mfi/DP/stk
ISIN DE000ENAG999 DE0007037129 DK0061539921 DE000A0D6554 DE000ENER6Y0
AXC0266 2026-01-26/20:33
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Autor: - dpa-AFX
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