| ROUNDUP 2: Regierungskrise in London abgewendet? - 'Starmer ist Toast' |
| 10.02.2026 13:30:00 |
(neu: mehr Details und Hintergrund)
LONDON (dpa-AFX) - Nach einem turbulenten Tag in Westminster
versucht der britische Premierminister Keir Starmer seine Regierung
wieder auf Kurs zu bringen. Kurzzeitig schien sein Amt am seidenen
Faden zu hängen, als der schottische Labour-Chef Anas Sarwar den
Parteifreund öffentlich zum Rücktritt aufforderte. Doch das scheint
zumindest vorerst abgewendet.
Hintergrund für die Regierungskrise ist Starmers Entscheidung vor
mehr als einem Jahr, den Labour-Veteranen und notorischen
Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zu
ernennen. Wie eng dieser mit dem verstorbenen US-Multimillionär und
Pädokriminellen verbandelt war, wurde durch die Veröffentlichung der
Epstein-Akten deutlich.
Dank Loyalitätsbekundungen aus seinem Kabinett und einem Berichten
zufolge kämpferischen Auftritt vor der Fraktion schaffte es Starmer,
sich noch einmal Zeit zu kaufen. Der Premier habe die "Rede seines
Lebens gehalten", zitierten britische Medien Teilnehmer des
Treffens.
Starmer ist "letztlich Toast"
Doch britische Kommentatoren sind sich weitgehend einig, dass sich
der wegen zahlreicher gescheiterter Reformprojekte und miserabler
Umfragewerte schwer angeschlagene Starmer auf extrem dünnem Eis
bewegt. "Es könnte jeden Moment einen neuen, frischen Skandal oder
Aufreger geben, der das schlagartig ändert", sagte
"Guardian"-Reporterin Jessica Elgot in einem Podcast zu dem
Burgfrieden. Sie fügte hinzu: "Wenn sich die Herde in Bewegung
setzt, setzt sie sich in Bewegung."
Ähnlich bewertete der Sky-News-Reporter Sam Coates die Situation.
Starmer sei "letztlich Toast", also erledigt, sagte er, weil der
Premier wieder und wieder bewiesen habe, dass es ihm trotz satter
Regierungsmehrheit nicht gelinge, bei umstrittenen Vorhaben eine
Mehrheit im Parlament hinter sich zu bringen.
Tatsächlich musste Starmer in den 18 Monaten seit seinem Amtsantritt
eine Kehrtwende nach der anderen vollziehen, weil ihm die eigene
Fraktion die Gefolgschaft versagte. Etwa bei dem Plan, die Zahl der
berechtigten Rentner für einen Heizkostenzuschuss einzuschränken
oder die Kriterien für eine Sozialleistung für Menschen mit
körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen anzuheben.
Über Starmers Zukunft wird schon seit Monaten spekuliert
Erfolge konnte der frühere Chef der Anklagebehörde Crown Prosecution
Service lediglich auf dem internationalen Parkett verbuchen, etwa
wenn es um die Gunst von US-Präsident Donald Trump ging. Doch auch
das schien im Licht des Grönland-Streits, in dessen Verlauf der
Republikaner auch Großbritannien mit neuen Zöllen drohte, zu
verpuffen.
Schon seit Monaten wird darüber spekuliert, dass die Labour-Fraktion
Starmer aus dem Amt jagen könnte. Zudem wird in der Partei
befürchtet, dass Labour bei den Regionalwahlen in Schottland und
Wales sowie bei den Kommunalwahlen in England im Mai auf
empfindliche Niederlagen zusteuert. Spätestens dann rechnen viele
mit einem Misstrauensantrag in der Fraktion. Größter Hemmschuh der
parteiinternen Gegner Starmers ist bisher jedoch das Fehlen einer
geeigneten Herausforderin oder eines Herausforderers.
Gesundheitsminister Wes Streeting, der als einer der
aussichtsreichsten innerparteilichen Rivalen Starmers gilt,
veröffentlichte schon einmal vorsorglich seine eigene komplette
Korrespondenz mit Mandelson. Britische Medien spekulierten gar, er
könne sich mit dem schottischen Labour-Chef zum politischen
Königsmord verabredet haben und nur im letzten Moment abgesprungen
sein.
Wichtigen Strippenzieher verloren
Von der Mandelson-Affäre droht Starmer weiter Gefahr: Der Premier
hatte in der vergangenen Woche auf Druck von Oppositionspolitikern
und aus den Reihen seiner eigenen Partei angekündigt, die Dokumente
und Korrespondenz zum Auswahlverfahren vor der Ernennung Mandelsons
als Botschafter zu veröffentlichen. Wann genau und in welchem Umfang
das geschehen wird, ist unklar. Es wird jedoch damit gerechnet, dass
dabei weitere unbequeme Details ans Licht kommen dürften.
Zudem hat der Regierungschef mit dem kürzlichen Rücktritt seines
Stabschefs Morgan McSweeney seinen wichtigsten Strippenzieher
verloren. Ob er die Geschicke noch einmal herumreißen kann, ist ohne
den engen Berater an seiner Seite noch ungewisser.
Andrew könnte ein noch tieferer Sturz drohen
Auch für die britischen Royals wird die Causa Epstein wegen der
einst engen Beziehung zwischen dem New Yorker Finanzier und dem
inzwischen in Ungnade gefallenen Ex-Prinzen Andrew zur immer
größeren Belastung. Nachdem die Epstein-Akten neue Vorwürfe gegen
Andrew zutage gefördert hatten, kündigte König Charles III. in einer
Mitteilung des Palasts an, die Polizei bei etwaigen Ermittlungen
gegen seinen Bruder zu unterstützen.
Ähnlich wie bei Mandelson geht es auch bei Andrew um vertrauliche
Informationen, die an den US-Investor Epstein weitergegeben worden
sein sollen. Sollte es tatsächlich zu strafrechtlichen Ermittlungen
kommen, droht dem Ex-Prinzen, der wegen seiner Verbindung mit
Epstein bereits alle Titel und Ämter verloren hat, ein noch tieferer
Sturz. Er selbst reagierte auf die Vorwürfe zunächst
nicht./cmy/DP/jha
AXC0175 2026-02-10/13:30
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Autor: - dpa-AFX
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