| Ökonom Schularick über Rente, China und Kapitalmarktunion |
| 20.02.2026 05:54:00 |
Seit mehr als zweieinhalb Jahren leitet Moritz
Schularick das Kiel Institut für Weltwirtschaft, eines der führenden
Wirtschaftsinstitute des Landes. Der aus Berlin stammende Ökonom
forscht üblicherweise zu Finanzstabilität, Vermögensverteilung und
Wirtschaftssanktionen.
Im Interview der Deutschen Presse-Agentur äußert er sich aber auch
zu anderen aktuellen Themen - der vorgeschlagenen Gesundheitsabgabe,
dem aus seiner Sicht morbiden Rentensystem und einem starren
Arbeitsmarkt.
Was Schularick zu einer Gesundheitsabgabe sagt ...
Die SPD will die Finanzierung des Gesundheitssystems neu
organisieren: Unter anderem Kapitalerträge und Mieteinkünfte sollen
herangezogen werden, um Kosten zu decken. Kapitalerträge sind etwa
Zinsen, die eine Bank für Geld auf einem Festgeldkonto zahlt.
Gesundheitsabgabe lautet das Schlagwort.
Aus Sicht von Schularick hat das Gesundheitssystem kein
Einnahmeproblem, weshalb er sich gegen den Vorschlag ausspricht:
"Nehmen Sie einen Eimer, der ein Loch hat. Man kann natürlich immer
Wasser nachschütten, dann bleibt er voll", sagte der
Wissenschaftler. Aber das löse das Problem nicht.
Wie es aus Schularicks Sicht mit der Rente weitergeht ...
Die Bundesregierung will das Rentensystem neu ausrichten. Die
Regierung hat dazu eine Kommission beauftragt, bis Ende Juni
Reformvorschläge vorzulegen.
Schularick hält eine Reform des Systems für überfällig: Er verweist
darauf, dass voraussichtlich etwa ein Drittel der Steuereinnahmen
des Bundeshaushalts in die Rentenversicherung fließen werde. Die
vergleichsweise hohen Ausgaben führten dazu, dass Geld für Brücken,
Schwimmbäder und Kindergärten fehle.
"Irgendwann ist der Scherbenhaufen so groß, dass die Kraft des
Faktischen dazu führt, dass man so nicht weitermachen kann", sagt
Schularick. "Mich schaudert es, dass das Einzige, das in den letzten
Jahren in diesem Land mit rund vier Prozent pro Jahr gewachsen ist,
die Renten sind."
Die Alternative sei, dass eine Reform gelinge: Diese könne eine
verlängerte Lebensarbeitszeit, gekoppelt an die Lebenserwartung, und
ein Ende der "Rente mit 63" vorsehen. Die "Rente mit 63" ist eine
seit 2014 bestehende Möglichkeit eines frühen Rentenbezugs ohne
Abschläge für langjährig Versicherte mit mindestens 45
Beitragsjahren in der gesetzlichen Rentenversicherung.
Warum Schularick das Rentensystem für ungerecht hält ...
Schularick verweist auf den Generationenvertrag. Der ist ein
grundlegendes Prinzip der deutschen Rentenversicherung. Dabei
handelt es sich um ein Umlageverfahren, bei dem die aktuell
arbeitende Generation durch ihre Rentenbeiträge die Renten der
älteren Generation finanziert.
Die gesetzliche Rentenversicherung befindet sich aber in einer
Demografie-Falle: Durch anhaltend niedrige Geburtenzahlen gibt es
immer weniger Beitragszahler, während gleichzeitig die Zahl der
Rentenbezieher steigt, weil die geburtenstarken Jahrgänge aus dem
Berufsleben ausscheiden.
"Weil die Alten vergessen haben, Kinder zu bekommen, ist das System
aber in einer Schieflage", sagt Schularick. "Nicht im Einzelfall,
aber im Kollektiv ist der Generationenvertrag von der alten
Generation gebrochen worden." Dennoch werde von den Jungen erwartet,
ihren Teil des Vertrags zu erfüllen.
Was aus Schularicks Sicht mit dem Arbeitsmarkt nicht stimmt ...
Schularick hat schon in der Vergangenheit angeregt, eine Debatte
über Teilzeit und den Arbeitsmarkt zu führen. Er sagt, die
Strukturen des deutschen Arbeitsmarkts seien starr und konservativ,
und sie stammten aus der Industriegesellschaft der Vergangenheit.
"Die Institutionen werden der Schnelllebigkeit und dem
Wandlungsprozess, den wir haben, nicht mehr gerecht." Zu dem Wandel
trage beispielsweise Künstliche Intelligenz bei. Der Arbeitsmarkt
müsse künftig flexibler ausgestaltet werden.
"Warum halten wir am Kündigungsschutz für Leute fest, die mehr als
100.000 Euro im Jahr verdienen?", fragt Schularick. "Da wird ein
paternalistischer Schutzgedanke weitergetragen ins 21. Jahrhundert,
der wahrscheinlich schon Ende des 20. Jahrhunderts abgelaufen war."
Diese Idee sei nicht länger zeitgemäß. Sie werde aber etwa von
manchen Beschäftigten und Gewerkschaften verteidigt.
Welche Arbeitsmarktreform Schularick vorschlägt ...
Schularick spricht sich für eine Aufhebung des Kündigungsschutzes
für gut verdienende Arbeitnehmer aus. Die Reform soll diejenigen
betreffen, die unter den Spitzensteuersatz fallen - also ab einem zu
versteuernden Einkommen von nahezu 70.000 Euro im Jahr. "Ich möchte
auch den de facto Kündigungsschutz im öffentlichen Dienst infrage
stellen", sagt Schularick. "Warum gibt es diese Vorzugsbehandlung?"
Nach Beobachtung von Schularick führt der strenge Kündigungsschutz
hierzulande dazu, dass deutsche Unternehmen Forschung und
Entwicklung nach China auslagern."Eigentlich sollten Forschung und
Entwicklung in Deutschland und Europa sein, weil wir die schlauen
Köpfe haben, und die anderen schrauben die Autos zusammen."
Hintergrund der Entwicklung sei, dass Deutschland auch wegen des
Kündigungsschutzes zu teuer sei. Unternehmen gingen Risiken ein,
wenn Kosten wie in China überschaubar seien. "Wenn ich als
Unternehmen in Deutschland nach einem gescheiterten Projekt eine
Gruppe von 20 Entwicklern über Jahre weiterbeschäftigen muss, fange
ich mit dem Projekt nicht an."
Warum die Kapitalmarktunion aus Schularicks Sicht stockt ...
Die Kapitalmarktunion bezeichnet das mehr als zehn Jahre alte
Vorhaben, Barrieren zwischen den Kapitalmärkten der EU-Staaten
abzubauen. Eine Kapitalunion hätte etwa den Vorteil, dass Geldgeber
aus dem EU-Ausland unkompliziert in ein Start-up in Berlin
investieren könnte. In Europa sind Unternehmen stark von Banken
abhängig - anders als in den USA.
"Dass die Kapitalmarktunion stockt, hängt mit den
Partikularinteressen in den Mitgliedsstaaten zusammen", sagt
Schularick. Von Finanzgruppen wie den Sparkassen heiße es, man sei
für die Kapitalmarktunion. Aber in der Fußnote stehe dann, es solle
alles so bleiben wie bisher. Auch ein deutscher Insolvenzverwalter
wolle keine günstigere Konkurrenz aus Spanien.
Im Vergleich zu den USA sind die Banken in der EU recht klein, und
die Fragmentierung gilt als Standortnachteil. Schularick regt an,
dass die Bundesregierung ihre Blockade einer angedachten Übernahme
der Commerzbank durch die italienische Großbank
Unicredit aufgibt. "Dass eine italienische Großbank
eine deutsche Großbank übernimmt, klingt für mich nach
Kapitalmarktunion."/lkm/akl/DP/zb
ISIN DE000CBK1001 IT0005239360
AXC0032 2026-02-20/05:54
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Autor: - dpa-AFX
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