| ROUNDUP/Diskriminiert in Deutschland: Was EU-Bürger hier erleben |
| 03.03.2026 14:32:00 |
Viele Menschen aus anderen EU-Staaten suchen in
Deutschland eine Arbeits- und Lebensperspektive. Doch oft landen sie
einer neuen Studie zufolge hier in einer Sackgasse. Erstmals seit 15
Jahren war der Wegzug aus Deutschland zuletzt größer als der Zuzug.
Was steckt dahinter? Aufschluss gibt eine neue, großangelegte
Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung. Neuen Zündstoff liefert
sie auch im aktuellen Streit um Kürzungspläne bei den
Integrationskursen - ein Überblick:
Wie viele Ausländer aus anderen EU-Staaten leben in Deutschland?
Zuletzt waren es etwa 5,1 Millionen Menschen (Ende 2023) - 37
Prozent der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Bis 2017
waren Südeuropäerinnen und -europäer in der Mehrheit, seit 2018 sind
es die Menschen aus Südosteuropa. Allein 910.000 Menschen haben die
rumänische Staatsangehörigkeit. Mit 888.000 Personen sind die Polen
die zweitgrößte Gruppe. Es folgen Italien, Bulgarien und Kroatien.
Wie ist der aktuelle Trend?
Seit Jahren war die Gruppe der EU-Bürgerinnen und -Bürger unterm
Strich gewachsen. Das hat sich nun geändert. Die Beauftragte der
Bundesregierung für Migration, Integration sowie für Antirassismus,
Natalie Pawlik (SPD), stellt fest, "dass wir seit 2024 mehr
Abwanderung als Zuwanderung von EU Beschäftigten haben". Die
Experten sprechen von einem negativen Abwanderungssaldo von rund
34.000 Personen. In einer Befragung der Forscher denkt rund ein
Drittel der Befragten über Abwanderung nach.
Was sind Gründe, Deutschland wieder zu verlassen?
Hauptmotive der Abwanderung sind der Studie zufolge hohe Wohn- und
Lebenshaltungskosten - aber auch mangelndes Gefühl der Zugehörigkeit
in Deutschland. Für die Studie waren unter anderem Ausländerinnen
und -Ausländer aus anderen EU-Staaten in sozialen Netzwerken
ausfindig gemacht und befragt worden, da die Datenlage eine
klassische repräsentative Umfrage nicht erlaubte. Diskriminierung
oder Arbeitslosigkeit spielen eine Rolle.
In welchen Bereichen stecken Menschen aus der EU oft fest?
2,7 Millionen EU-Bürgerinnen und EU-Bürger sind in Deutschland
erwerbstätig, 1,7 Millionen davon aus ost- und südosteuropäischen
Ländern. Doch bei weitem nicht immer verbergen sich hinter diesen
Zahlen Erfolgsgeschichten. Laut der neuen Studie stecken viele in
schlecht bezahlten Jobs ohne besondere Anforderungen fest, sei es
Reinigung, Transport oder anderes. "Viele sind gewissermaßen
gefangen in Helferbereichen", sagt Studienleiter Bernhard Boockmann
von der Uni Tübingen. Neu in Deutschland ist oft das Wichtigste,
überhaupt einen Job zu bekommen. Wenn die Menschen es dann
verpassen, Deutsch zu lernen und sich weiterzuqualifizieren, "kann
sich das verfestigen".
Fühlen sich die Menschen in Deutschland willkommen?
Als durchaus typisch zitiert die 270-Seiten-Studie eine Bulgarin:
"Das ist immer der Subtext: Sie schicken mich weg, weil ich Bulgarin
bin, weil ich Roma bin, weil ich eine andere Hautfarbe habe." Die
Studienautoren des Tübinger Instituts für angewandte
Wirtschaftsforschung stellen fest: "Diskriminierungserfahrungen
prägen für viele EU-Bürgerinnen den Integrationsprozess in
Deutschland." Ob in Behörden, bei der Wohnungssuche oder im Alltag:
Menschen aus Rumänien und Bulgarien sowie Sinti und Roma seien
besonders betroffen. Betroffene bekämen "Antislawismus und
Antiziganismus" in Deutschland zu spüren.
Mit welchen Zielen kommen die Menschen nach Deutschland?
Rund 26 Prozent der Teilnehmer der Social-Media-Befragung sagten,
sie seien nach Deutschland gekommen, weil sie mit ihrem
Partner/ihrer Partnerin zusammengezogen seien. Bei 24 Prozent lag
ein konkretes Jobangebot vor. 17 Prozent kamen wegen Ausbildung oder
Studium. Weitere wichtige Migrationsmotive waren finanzielle Gründe
(14 Prozent) oder die Möglichkeit, sich im Rahmen der
EU-Freizügigkeit in Deutschland niederzulassen (13 Prozent). Rund 10
Prozent gaben an, hergekommen zu sein, um einen Job zu suchen. Bei
Personen aus Südosteuropa dominierten finanzielle Gründe (24
Prozent).
Wie steht es mit der Arbeitslosigkeit und den Perspektiven?
Insgesamt ist die Zahl der arbeitslosen Bürger aus anderen
EU-Staaten in Deutschland von 2011 bis 2023 von 117.000 auf 219.000
gestiegen. Dies betrifft hauptsächlich EU-Staatsangehörige aus den
südosteuropäischen EU-Ländern, vor allem bis 2016 auch die
Zugewanderten aus Osteuropa. Der Schlüssel für beruflichen Aufstieg,
soziale Teilhabe und eine langfristige Bleibeperspektive seien
Deutschkenntnisse - doch da kommt nun eine aktuelle Entscheidung aus
dem Bundesinnenministerium ins Spiel.
Was hat die Studie mit Alexander Dobrindt zu tun?
Nach Überzeugung der Integrationsbeauftragten eine ganze Menge. Aus
Sicht der SPD-Politikerin Pawlik zeigt die Studie, dass der
Zulassungsstopp zu Integrations- und Sprachkursen verkehrt ist, den
es auf Betreiben des CSU-Innenministers geben soll. Der Stopp für
die freiwilligen Teilnehmenden durch Innenministerium und Bundesamt
für Migration und Flüchtlinge sei "fatal". Pawlik: "Ich halte das
integrationspolitisch, aber auch gesellschaftspolitisch für falsch,
weil Sprache der zentrale Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe,
für Aufstieg in unserer Gesellschaft ist." Von den 130.000 von dem
Kurs-Stopp Betroffenen seien 37.000 EU-Bürgerinnen und EU
Bürger./bw/DP/stw
AXC0255 2026-03-03/14:32
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Autor: - dpa-AFX
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