| WDH: Schlammschlacht vor der Wahl in Baden-Württemberg |
| 07.03.2026 10:32:00 |
(Im achten Absatz wurde ein überflüssiges Wort gestrichen. Zudem
wurde die Überschrift geändert.)
STUTTGART (dpa-AFX) - Lange war der Wahlkampf in Baden-Württemberg
eher dröge, trocken, fast langweilig. Nun, auf den letzten Metern
vor der Landtagswahl, eskaliert das Ringen der beiden
aussichtsreichsten Parteien merklich - dabei werden Grüne und CDU
nach der Wahl aller Voraussicht nach weiterhin in einer Koalition
zusammenarbeiten müssen. In einer Umfrage des ZDF lagen beide
Parteien zuletzt mit 28 Prozent gleichauf. Andere Koalitionsoptionen
gibt es nach aktuellem Stand nicht.
Ton deutlich verschärft
Der Ton zwischen den beiden Parteien hat sich vor dem Hintergrund
der grünen Aufholjagd binnen weniger Tage deutlich verschärft. Ihren
Ausgang nahm die Eskalation mit der Veröffentlichung eines Videos
des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel durch eine grüne
Bundestagsabgeordnete. Der Clip zeigt den 29-jährigen Hagel im Jahr
2018 bei einem Interview, in dem er sich etwas schwärmerisch über
das Äußere einer Schülerin äußert. Hagel nennt die Äußerung im
Rückblick "Mist".
Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir betont zwar, nichts davon gewusst
zu haben. Aber das glaubt ihm in der CDU niemand. Die Konservativen
sehen eine orchestrierte Aktion der Grünen dahinter. Eigentlich
hatte die CDU die AfD zum Hauptgegner im Wahlkampf erklärt. Nun wird
auf den letzten Metern zum Lagerwahlkampf gegen die Grünen
aufgerufen. Von einer "Schmutzkampagne", die "Menschen vernichte",
spricht Landesgeneralsekretär Tobias Vogt. Er wirft den Grünen vor,
"ihren moralischen Kompass verloren" zu haben.
Wirbel um weiteres Hagel-Video
Aktuell sorgt ein weiteres Video für Wirbel, in dem Hagel bei einem
Schulbesuch vor laufenden Kameras mit einer Lehrerin aneinander
gerät und den Schülern den Treibhauseffekt falsch erklärt - auch
dieser Clip wird im Netz tausendfach geteilt. "Ich bin ja jetzt auch
kein Roboter, sondern ein Mensch mit ganz normalen Gefühlen", sagte
der CDU-Frontmann dem Sender Welt.
Im Gespräch mit dem Portal "The Pioneer" antwortet Hagel auf die
Frage, ob es stimme, dass er und seine Kinder Morddrohungen bekommen
haben: "Leider ja - das ist für uns auch neu, auch als Familie. Ich
kannte das so bisher nicht."
Die Nerven liegen blank, die gegenseitigen Anschuldigungen gewinnen
täglich an Schärfe. Falschmeldungen werden im Netz verbreitet - und
dem politischen Gegner in die Schuhe geschoben. Hagel wird nach
einem Interview etwa ein falsches Zitat über CO2-neutrale Laster in
den Mund gelegt. CDU-Agrarminister Peter Hauk behauptet im Netz, die
Grünen wollten das Privatauto verbieten. Das seien "Fake News",
schimpft die Grünen-Landeschefin Lena Schwelling.
Gestörte Beziehung
Die Beziehung zu den Grünen sei massiv gestört, heißt es
mittlerweile bei CDU-Strategen. Die Grünen versammelten das linke
Lager über die "Diffamierung und Verächtlichmachung einer Person".
Es sei schwierig, gegen den linken Mainstream anzukommen, sagt einer
aus dem Landesvorstand. Die aufgestaute Wut und Frustration in der
Union sei maximal, hört man in der Partei. Es sei ein weiter Weg,
diese Gräben nach der Wahl wieder zuzuschütten. Dann brauche man
erstmal "eine Abkühlwoche oder zwei".
Und dann? Falls das Rennen so knapp ausgeht wie vorhergesagt,
müssten die beiden Parteien fast auf Augenhöhe miteinander über eine
Koalition verhandeln. Enorme Zugeständnisse des Wahlsiegers dürften
da unvermeidlich sein. "Egal wer gewinnt, das wird ein teurer Spaß",
verlautet es aus CDU-Kreisen. Denn das seien nicht mehr die selben
Grünen wie unter dem scheidenden Ministerpräsidenten Winfried
Kretschmann.
Negative Campaigning
Der Politikwissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität
Hohenheim spricht angesichts des schärferen Wahlkampfs von "Negative
Campaigning - also vom Schlechtmachen des politischen Kontrahenten".
In der Regel zahle sich das nicht aus - und in Baden-Württemberg
schon gar nicht, "da man sich nach der Wahl ja wieder zusammenraufen
muss".
Michael Wehner von der Universität Freiburg ist sich auch sicher,
dass Grüne und CDU nach der Wahl wieder sehr schnell
zueinanderfinden. "Das müssen sie, und das werden sie letztendlich
auch." Allen Beteiligten sei klar, dass es auf den letzten Metern
des Wahlkampfs um Mobilisierung gehe. "Und Mobilisierungen bekommt
man natürlich am besten hin, wenn man sich abgrenzt vom Gegner, wenn
man den Mitbewerber zwar nicht als Feind, aber doch als Kontrahenten
sieht", sagt der Politikwissenschaftler.
"Mund abputzen, weitermachen"
Dementsprechend werde wie in einem Boxkampf auch mal ein Kinnhaken
verteilt, der dann aber nach einem Kampf vergessen sein müsse. "Für
die professionelle Parteiarbeit wird man am Tag danach klassisch
Sportler-mäßig den Mund abputzen, weitermachen und in die
Koalitionsverhandlungen gehen." Beide Parteien hätten ein Interesse
daran, die schon seit zehn Jahren bestehende Koalition fortzusetzen
- "egal wer jetzt Ministerpräsident wird".
Unter einem sehr an den Spitzenkandidaten orientierten Wahlkampf
leide vor allem die Auseinandersetzung über politische Inhalte. "Für
die politische Kultur sind solche medialen Zuspitzungen und durchaus
ja auch Schlammschlachten eher schädlich oder beschädigend", sagt
Wehner./dna/poi/cat/DP/zb
AXC0034 2026-03-07/10:32
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Autor: - dpa-AFX
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