| Debatte über Ehegattensplitting belastet Koalition |
| 08.03.2026 18:22:00 |
Die seit Jahren immer wieder geführte Debatte
über das Ehegattensplitting kommt erneut hoch und droht zu einem
Streitthema in der schwarz-roten Koalition zu werden. Während mit
Bundesfrauenministerin Karin Prien auch eine führende
CDU-Politikerin für eine Reform plädierte und dafür Unterstützung
aus der SPD erhielt, blockte vor allem die CSU kategorisch ab.
Aus den Reihen der Grünen kam die Forderung an Kanzler Friedrich
Merz (CDU), er solle "seine Politik aus dem letzten Jahrhundert
überdenken". Der Sozialverband Deutschland (SoVD) erklärte, das
Ehegattensplitting gehöre "in die politische Mottenkiste".
Prien sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, das
Ehegattensplitting sei für ihre Partei traditionell ein wichtiges
Thema. Aber auch in der CDU gebe es viele, die eine
Weiterentwicklung befürworteten. "Dazu gehöre ich", sagte die
stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende. "Es wäre auch viel gewonnen,
wenn man die Steuerklassen drei und fünf abschaffen würde. Das hat
die Ampel nicht geschafft, das sollten wir jetzt umsetzen. Das macht
es für Frauen attraktiver, mehr zu arbeiten."
Prien erntet Widerspruch aus den eigenen Reihen
Kritik kam vor allem aus der CSU, die eine Abschaffung des
Ehegattensplittings seit jeher ablehnt. "Das Ehegattensplitting
abzuschaffen bedeutet nichts anderes, als Familien höher zu
besteuern - und das in einer Zeit, in der die Menschen ohnehin
schauen müssen, wie sie über die Runden kommen", sagte der
CSU-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Klaus Holetschek,
dem "Tagesspiegel".
Aber auch aus der CDU meldeten sich Kritiker zu Wort. Gordon
Schnieder, CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz, sagte der Zeitung: "Für mich ist klar: Mehr
Belastungen für Ehepaare wird es mit der CDU nicht geben."
SPD befürwortet Reform bis zum Sommer
Unterstützung erhielt Prien von der stellvertretenden Vorsitzenden
der SPD-Bundestagsfraktion, Wiebke Esdar. Sie plädierte dafür, "dass
wir bis zum Sommer 2026 eine gerechte und zeitgemäße Reform des
Ehegattensplittings auf den Weg bringen".
Das Splitting sei Ausdruck handfester Benachteiligung von Frauen und
schade der Wirtschaft. "Selbstverständlich soll eine Reform des
Ehegattensplittings niemandem etwas wegnehmen. Erforderlich ist eine
stärker auf Partnerschaftlichkeit ausgerichtete Besteuerung, die die
Steuerlasten gerecht zwischen den Eheleuten aufteilt und Familien
mit Kindern entlastet."
Splitting bevorzugt Ehepaare mit unterschiedlichen Einkommen
Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder
Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer -
meistens ist dies die Frau - deutlich weniger verdient. Erweitert
die Frau ihre Arbeitszeit, schrumpft der Splittingvorteil, von ihrem
höheren Verdienst bleibt netto weniger übrig.
Eine repräsentative Erhebung des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung
ergab, dass mit einer Reform allein bei Frauen ab 45 Jahren das
Arbeitsvolumen um knapp fünf Prozent gesteigert werden könnte. Dies
entspräche rund 175.000 zusätzlichen Vollzeitstellen. Zudem würde
die Zahl der weniger gut abgesicherten Minijobs zurückgehen.
Die vor wenigen Tagen veröffentlichte Erhebung unter Frauen zwischen
45 und 66 Jahren zeigt, dass sich das Ehegattensplitting oft als
Bremsklotz für eine Wiederaufnahme oder Ausweitung ihrer
Berufstätigkeit erweist. Etwa die Hälfte der befragten
Teilzeitbeschäftigten sagte, eine Ausweitung der Arbeitszeit lohne
sich für sie finanziell nicht. Unter den Nichterwerbstätigen gab
rund ein Drittel an, Erwerbstätigkeit zahle sich für sie nicht aus.
SPD sieht Bewegung in der Union
Die Vorsitzende der Landtagsfraktion der SPD in Schleswig-Holstein,
Serpil Midyatli, sagte mit Blick auf die Äußerungen von Prien, ihre
Partei kritisiere schon lange das Ehegattensplitting als "überholtes
Steuermodell". Sie erwarte dazu "jetzt unverzüglich einen Vorschlag"
für eine Reform.
Auch Grüne plädieren für eine grundlegende Reform
Auch die Grünen kritisieren, dass es sich wegen des
Ehegattensplittings für viele Frauen nicht lohne, mehr zu arbeiten.
"Das ist weder gerecht noch zeitgemäß", sagte der stellvertretende
Grünen-Fraktionsvorsitzende Andreas Audretsch der Deutschen
Presse-Agentur in Berlin. Seine Partei wolle das Splitting
grundlegend reformieren.
"Für Neuehen wollen wir eine individuelle Besteuerung mit
übertragbarem Grundfreibetrag einführen", erläuterte Audretsch. Für
Paare, die bereits verheiratet seien, ändere sich nichts, es sei
denn, sie entschieden sich freiwillig für das neue Modell. "Indem
wir mehr Arbeit für Frauen ermöglichen, stärken wir ihre
eigenständige Absicherung, schützen Frauen vor Altersarmut und
stärken gleichzeitig die Wirtschaft."
Debatte über Ehegattensplitting kommt alle paar Jahre wieder
Die Debatte über eine Reform oder Abschaffung des
Ehegattensplittings wird alle paar Jahre wieder kontrovers geführt.
So sorgte etwa SPD-Chef Lars Klingbeil im Sommer 2023 für Krach in
der Ampel-Koalition mit der Forderung, das Ehegattensplitting für
neue Ehen abzuschaffen. "Das wird nicht kommen in dieser
Wahlperiode", sagte der damalige FDP-Finanzminister Christian
Lindner./sk/DP/mis
AXC0073 2026-03-08/18:22
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Autor: - dpa-AFX
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