| GESAMT-ROUNDUP 2/Wahl in Baden-Württemberg: Özdemirs Grüne hauchdünn vor CDU |
| 08.03.2026 21:35:00 |
Bei der Landtagswahl in
Baden-Württemberg liefern sich Grüne und CDU ein knappes Rennen um
Platz eins - mit einem hauchdünnen Vorsprung für die Grünen. Das
geht aus Hochrechnungen von ARD und ZDF hervor.
Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir könnte damit in die Fußstapfen
von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) treten. Über
Monate hatte die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen
deutlich geführt, am Ende legten die Grünen aber eine rasante
Aufholjagd hin.
Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis und steuert damit auf ihr bestes
Abschneiden bei einer Landtagswahl im Westen zu. Die SPD stürzt auf
ein historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit und ist gerade
noch so im Landtag vertreten. Spitzenkandidat Andreas Stoch zog die
Konsequenzen und kündigte seinen Rückzug als Landes- und
Fraktionschef an. FDP und Linke scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.
Auch FDP-Landeschef Hans-Ulrich Rülke will sein Amt niederlegen.
Den Hochrechnungen zufolge kommen die Grünen auf 30,3 Prozent (2021:
32,6 Prozent), die CDU liegt mit 29,7 Prozent knapp dahinter (24,1).
Die AfD erhält 18,7 bis 18,8 Prozent (9,7). Mit großem Abstand folgt
die SPD mit 5,5 bis 5,6 Prozent (11,0). Die FDP kommt auf 4,4
Prozent (10,5), die Linke auf 4,3 bis 4,4 Prozent (3,6).
Die Grünen erhalten laut Hochrechnungen 56 bis 57 Sitze im Landtag
(2021: 58), die CDU 54 bis 56 (42). Die AfD kommt auf 34 bis 35
Mandate (17), die SPD auf 10 (19). Grüne und CDU hätten damit
zusammen eine Zweidrittelmehrheit im Landtag.
Özdemir bietet CDU Zusammenarbeit an - Hagel gratuliert
Özdemir rief die Christdemokraten noch am Wahlabend zu einer
erneuten Zusammenarbeit auf und bot ihnen eine "Partnerschaft auf
Augenhöhe" an. "Der Maßstab sollten die letzten zehn Jahre sein und
die Erfolge, die wir eingefahren haben."
Hagel sagte, wenn sich das Wahlergebnis so bewahrheite, liege der
Regierungsauftrag bei den Grünen. Er gratulierte der Partei und auch
Özdemir zu deren Ergebnis und schloss zugleich kategorisch aus, sich
mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen.
Ministerpräsident Kretschmann von den Grünen war nach 15 Jahren
nicht mehr angetreten. Der 77-Jährige, bundesweit erster und
einziger Regierungschef der Grünen, verabschiedet sich in den
Ruhestand. Seit 2016 regierte er mit der CDU, davor mit der SPD.
Grünen-Bundeschef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis
auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz (CDU) und dessen
politische "Orientierungslosigkeit". Co-Vorsitzende Franziska
Brantner sprach von einem "sensationellen Ergebnis".
Der 60-jährige Grünen-Kandidat Özdemir ist seit Jahrzehnten in der
Politik - er saß im Bundestag und im Europaparlament, war
Grünen-Chef und auch Bundesminister. Im Wahlkampf ging Özdemir, der
sich einen "anatolischen Schwaben" nennt, auf Abstand zu den
Bundes-Grünen und gab sich ein eher konservatives Profil.
Hagel schwärmte von "rehbraunen Augen" einer Schülerin
Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Hagel ist seit 2021
CDU-Fraktionschef im Landtag. Im Wahlkampf stand der gläubige
Katholik und Jäger in der Kritik wegen eines Videos: In dem acht
Jahre alten Clip schwärmt er von den "rehbraunen Augen" einer
minderjährigen Schülerin.
Auch SPD-Spitzenkandidat Stoch trat in einen "Fettnapf", wie er
selbst sagte: In einem SWR-Porträt ist zu sehen, dass er
ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Tafel seinem
Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete
einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf nie kam, drückte Stoch sein
Bedauern aus.
"Total bitterer Abend" für die SPD
Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die
Bundes-SPD, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern
CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor
der Brust hat.
Klingbeil zeigte sich tief enttäuscht über das schlechte
Abschneiden. "Das ist ein total bitterer Abend", sagte er im ZDF. Es
sei nur noch um die Frage gegangen: Cem Özdemir oder Manuel Hagel?
Das habe am Ende auch die SPD Stimmen gekostet.
AfD: Auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei
Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom
Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall
beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit der AfD koalieren.
AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der
Gewinner des Abends. "Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine
Volkspartei."
Die im Südwesten tief verwurzelte FDP zog mit Spitzenkandidat Rülke
ins Rennen. Er sprach im Wahlkampf von der "Mutter aller Wahlen" für
seine Partei. Dass sie nun in Baden-Württemberg nicht mehr im
Landtag sitzen, dürften auch ein Comeback im Bund erschweren.
FDP-Chef Christian Dürr sieht aber noch Chancen: Nach der
vergangenen Bundestagswahl sei man "bei Null gestartet". Es gehe um
einen Marathonlauf und keinen Sprint.
Die Linke trat mit drei jungen Frauen als Spitzen-Trio an und setzte
damit einen Kontrapunkt zu den übrigen Parteien. Ins Zentrum rückten
sie die hohen Mieten und die Kluft zwischen Arm und Reich.
Erstmals durften 16- und 17-Jährige abstimmen
Die Wahlbeteiligung liegt den Hochrechnungen nach bei 70,2 bis 70,5
Prozent (2021: 63,8). Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte konnten ihre
Stimme abgeben - so viele wie nie zuvor.
Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften
abstimmen. Zudem hatten Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei
der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die
Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den
Direktkandidaten im Wahlkreis.
Auftakt für das "Superwahljahr 2026"
Die Wahl ist die erste von fünf Landtagswahlen im "Superwahljahr
2026" und die erste unter der schwarz-roten Bundesregierung unter
Kanzler Friedrich Merz (CDU). CDU und SPD debattieren über wichtige
Reformen. Die Wahlergebnisse sind daher wichtig für die Stimmung.
Die nächste Wahl steht am 22. März in Rheinland-Pfalz an. Dort droht
der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des
Ministerpräsidentenpostens. Im September wählen Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern - hier kommt die AfD in Umfragen an die 40
Prozent./kli/DP/zb
AXC0106 2026-03-08/21:35
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Autor: - dpa-AFX
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