| ROUNDUP 2: Özdemir führt Grüne zu Wahlsieg in Baden-Württemberg |
| 09.03.2026 05:10:00 |
Die Grünen mit Cem Özdemir an der
Spitze haben mit knappem Vorsprung die Landtagswahl in
Baden-Württemberg gewonnen. Die CDU kommt nach dem vorläufigen
Endergebnis nur auf Platz zwei, wie die Landeswahlleiterin in der
Nacht mitteilte.
Der 60-jährige frühere Bundesminister Özdemir dürfte jetzt
Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne),
werden, der nach 15 Jahren im Amt nicht mehr antrat. Über Monate
hatte die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen deutlich
geführt, am Ende holten die Grünen aber rasant auf.
Die AfD verdoppelt ihren Stimmenanteil und fährt ihr bestes Ergebnis
bei einer Landtagswahl im Westen ein. Die SPD stürzt auf ein
historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit und ist gerade noch
so im Parlament vertreten. Ihr Spitzenkandidat Andreas Stoch
kündigte seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an. Die FDP
fliegt erstmals aus dem Landtag - Landeschef Hans-Ulrich Rülke will
sein Amt niederlegen. Auch die Linke scheitert an der
Fünf-Prozent-Hürde.
Mandatsgleichheit für Grüne und CDU - und Zweidrittelmehrheit
Die Grünen kommen laut vorläufigem Endergebnis auf 30,2 Prozent
(2021: 32,6 Prozent), die CDU liegt mit 29,7 Prozent knapp dahinter
(24,1). Die AfD erhält 18,8 Prozent (9,7). Mit großem Abstand folgt
die SPD mit 5,5 Prozent (11,0). Die FDP kommt auf 4,4 Prozent
(10,5), die Linke ebenfalls auf 4,4 Prozent (3,6).
Die Grünen erhalten demnach 56 Sitze im Landtag (2021: 58), die CDU
ebenfalls 56 (42). Die AfD kommt auf 35 Mandate (17), die SPD auf 10
(19). Grüne und CDU stellen also gleich viele Abgeordnete, auch wenn
die Grünen nach Zweitstimmen gewonnen haben. Zusammen haben die
beiden Parteien eine Zweidrittelmehrheit im Landtag.
Özdemir bietet CDU Zusammenarbeit an
Özdemir erklärte sich am Abend zum Sieger. "Wir haben die Wahl
gewonnen", sagte er auf der Grünen-Wahlparty. Als er 2024 seinen Hut
in den Ring geworfen habe, hätte nicht viele daran geglaubt, dass so
ein Tag wie heute kommen könne.
Er rief die Christdemokraten zu einer erneuten Zusammenarbeit auf
und bot ihnen eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" an. "Der Maßstab
sollten die letzten zehn Jahre sein und die Erfolge, die wir
eingefahren haben."
Hagel sagte, seine CDU habe das beste Wahlergebnis seit 2011
erzielt, aber dennoch nicht den ersten Platz erreicht. Der Auftrag
zur Regierungsbildung liege bei den Grünen und Özdemir. "Das ist
eine Niederlage für uns."
Grünen-Bundeschef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis
auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz (CDU) und dessen
politische "Orientierungslosigkeit".
Der 77-jährige Kretschmann, bundesweit erster und einziger
Regierungschef der Grünen, verabschiedet sich in den Ruhestand. Seit
2016 regierte er mit der CDU, davor mit der SPD.
Özdemir ist seit Jahrzehnten in der Politik - er saß im Bundestag
und im Europaparlament, war Grünen-Chef und auch Bundesminister. Im
Wahlkampf ging Özdemir, der sich einen "anatolischen Schwaben"
nennt, auf Abstand zu den Bundes-Grünen und gab sich ein eher
konservatives Profil.
Hagel schwärmte von "rehbraunen Augen" einer Schülerin
Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Hagel ist seit 2021
CDU-Fraktionschef im Landtag. Im Wahlkampf stand der gläubige
Katholik und Jäger in der Kritik wegen eines Videos: In dem acht
Jahre alten Clip schwärmt er von den "rehbraunen Augen" einer
minderjährigen Schülerin.
Am Abend sagte Hagel, es sei "auch ein Schmutzwahlkampf geführt
worden, deutlich unter der Gürtellinie", der ihn und seine Familie
belastet habe.
"Total bitterer Abend" für die SPD
Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die
Bundes-SPD, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern
CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor
der Brust hat.
Klingbeil zeigte sich tief enttäuscht. "Das ist ein total bitterer
Abend", sagte er im ZDF. Es sei nur noch um die Frage gegangen: Cem
Özdemir oder Manuel Hagel? Das habe am Ende auch die SPD Stimmen
gekostet.
AfD: Auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei
Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom
Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall
beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit der AfD koalieren.
AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der
Gewinner des Abends. "Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine
Volkspartei."
Die im Südwesten tief verwurzelte FDP zog mit Spitzenkandidat Rülke
ins Rennen. Er sprach im Wahlkampf von der "Mutter aller Wahlen" für
seine Partei. Dass sie nun in Baden-Württemberg nicht mehr im
Landtag sitzt, dürfte auch ein Comeback im Bund erschweren. FDP-Chef
Christian Dürr sieht aber noch Chancen: Nach der vergangenen
Bundestagswahl sei man "bei Null gestartet". Es gehe um einen
Marathonlauf und keinen Sprint.
Erstmals durften 16- und 17-Jährige abstimmen
Die Wahlbeteiligung liegt nach Angaben der Landeswahlleiterin bei
69,6 Prozent (2021: 63,8). Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte konnten
ihre Stimme abgeben - so viele wie nie zuvor.
Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften
abstimmen. Zudem hatten Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei
der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die
Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den
Direktkandidaten im Wahlkreis.
Auftakt für das "Superwahljahr 2026"
Die Wahl war die erste von fünf Landtagswahlen im "Superwahljahr
2026" und die erste unter der schwarz-roten Bundesregierung unter
Kanzler Merz. Union und SPD debattieren über wichtige Reformen. Die
Wahlergebnisse sind daher wichtig für die Stimmung.
Die nächste Wahl steht am 22. März in Rheinland-Pfalz an. Dort droht
der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des
Ministerpräsidentenpostens. Im September wählen Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern - hier kommt die AfD in Umfragen an die 40
Prozent. Auch in Berlin wird im September ein neues Landesparlament
gewählt./kli/DP/zb
AXC0021 2026-03-09/05:10
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Autor: - dpa-AFX
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