| Rüstungsboom: Wie profitiert der Osten vom Milliardenmarkt? |
| 14.03.2026 07:12:00 |
Kriege, Krisen, Zeitenwende - die Nachfrage nach
Rüstungsgütern hat der deutschen Industrie einen Aufschwung
beschert. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri ist
Deutschland inzwischen viertgrößter Waffenexporteur der Welt.
Was davon kommt im Osten an? Zu wenig, findet Martin Kurczyk,
Vorstand des neu gegründeten Mitteldeutschen Instituts für
Sicherheitsindustrie (MISI) in Leipzig. Das müsse sich ändern. Auch,
um die Menschen in Ostdeutschland mit den enormen
Verteidigungsausgaben der Bundesregierung - 108 Milliarden allein in
diesem Jahr - "zu versöhnen", findet der langjährige Generalmajor
der Bundeswehr. Es sei "ungerecht", wenn diese Ausgaben nur in alten
Bundesländern in Form von Wertschöpfung ankämen. Ziel müsse sein,
dass Investitionen "analog der Größe der Einwohnerzahl" anteilig
auch nach Mitteldeutschland zurückflössen. Kurczyks Rechnung nach
wären das etwa zehn Prozent der in Deutschland entstehenden
Wertschöpfung.
Wie groß ist die ostdeutsche Rüstungsbranche im Vergleich?
Zahlen zur Rüstungsbranche in Ostdeutschland gibt es kaum. Etwas
Licht ins Dunkel bringt die Antwort der Bundesregierung auf eine
Kleine Anfrage der Bundestagsgruppe BSW im Jahr 2024. Darin heißt
es, für den Zeitraum von Januar bis zum 15. Oktober 2024 wurden für
Sachsen Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter und Kriegswaffen im
Wert von gut 2,2 Millionen Euro erteilt, für Sachsen-Anhalt rund 7,9
Millionen Euro und für Thüringen rund 90 Millionen Euro. Zum
Vergleich: Spitzenreiter im selben Zeitraum war Niedersachsen mit
3,9 Milliarden Euro gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern mit je
etwa 2,3 Milliarden Euro.
Die Gründe dafür sind historisch, sagt Peter Scheben vom
Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie
(BDSV). Die Rüstungsindustrie sei traditionell stärker im Westen
angesiedelt. Der Verband führe aktuell für Sachsen 16
Mitgliedsunternehmen. In Sachsen-Anhalt sind es vier und in
Thüringen sieben.
Doch es gab zuletzt auch Bewegung: Im vergangenen Jahr hatte der
Rüstungskonzern KNDS den früheren Alstom -Standort für
Eisenbahnwaggonbau in Görlitz übernommen. Dort werden seitdem
Panzerteile produziert. In Sachsen-Anhalt will die Rheinmetall
AG Millionen in ihren Standort in Silberhütte im Harz
investieren. Das Unternehmen hatte vergangenes Jahr zudem die
Munitionsfirma Muni Berka in Dietersdorf (Kreis Mansfeld-Südharz)
übernommen.
Welche Branchen im Osten können profitieren?
Aus Sicht von Thomas Horn, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung
Sachsen (WFS), ergeben sich Chancen unter anderem für die Branchen
Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Elektronik und Luft- und Raumfahrt.
Auch die aktuell krisengeplagten Autozulieferer können profitieren,
glaubt Jens Katzek, Geschäftsführer des Automotive-Clusters
Ostdeutschland (ACOD). Die Unternehmen seien es gewohnt, "in großen
Stückzahlen in hoher Präzision unter einem engen regulatorischen
Korsett" zu arbeiten. Das sei "genau dasselbe wie auch im
Verteidigungsbereich". Das Thüringer Wirtschaftsministerium sieht
"ausreichend Potenzial, damit Thüringer Unternehmen wegbrechende
Geschäftsfelder in anderen Branchen zumindest teilweise durch solche
neuen Geschäftsfelder ersetzen können".
Wie groß ist das Interesse an Rüstungsaufträgen?
Das Interesse scheint riesig. So schildern es alle Befragten. Ein
Informationsforum der Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft im
vergangenen Jahr platzte aus allen Nähten - knapp 300
Unternehmensvertreter waren vor Ort. Weitere Foren und "thematische
Reisen" seien geplant, teilt das Wirtschaftsministerium mit. Es gebe
"zahlreiche Anfragen zum potenziellen Einstieg in die Lieferketten",
so Sachsens oberster Wirtschaftsförderer Thomas Horn.
Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerium bestätigt ein wachsendes
Interesse bei Automobilzulieferern. Der Bundesverband BDSV und auch
Martin Kurczyk vom MISI berichten von einem dauerhaft hohen
Aufkommen neuer Mitgliedsanträge. Zentral für eine Aufnahme sei für
Kurczyk aber nicht allein Geschäftsinteresse, sondern auch die
"Haltung". Er erwarte, dass neue Mitglieder Interesse daran hätten
"das, was ich kann, einzusetzen für die Sicherheit unseres Landes".
Ist die Rüstung Zukunftsbranche oder eher zweites Standbein?
Rüstungsaufträge seien "kein Allheilmittel" für die krisengeplagte
Autoindustrie, so ACOD-Chef Jens Katzek. Er kenne "niemanden, der
die Hoffnung hat, hier verliere ich im Autobereich mein Geschäft und
deshalb werde ich zu 100 Prozent jetzt in den militärischen Bereich
gehen". Für viele gehe es darum, fünf oder 15 Prozent ihres Umsatzes
in diesem Feld zu erzielen. Das berichtet auch ein im Erzgebirge
ansässiges Unternehmen der Automotive-Branche, das auch im
Verteidigungsbereich arbeitet. Einen deutlichen Auftragsboom gebe es
bislang nicht. Es gehe eher um ein "Zubrot".
MISI-Chef Kurczyk empfiehlt, die Verteidigungsbranche eher als
zweites Standbein zu betrachten. Doch das Potenzial sei dank voller
Auftragsbücher bei den größten Rüstungsunternehmen groß: "Da ist
noch nichts produziert, aber die müssen liefern", so der Experte.
Sich selbst hat der neu gegründete Branchenverband ambitionierte
Ziele gegeben: Bis Ende 2027 will der Verein nach eigenen Planungen
eine wesentliche Rolle bei Investitionen von mehr als 200 Millionen
Euro in Mitteldeutschland spielen und zur Schaffung von über 1.000
Arbeitsplätzen beitragen, nicht allein im Bereich Rüstung, sondern
auch beim zivilen Schutz, dem Schutz kritischer Infrastruktur und
der Cyber-Sicherheit./mse/DP/zb
ISIN DE0007030009 FR0010220475
AXC0012 2026-03-14/07:12
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Autor: - dpa-AFX
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