| ROUNDUP 2/'Akt grober Illoyalität': Merz kündigt Orban Konsequenzen an |
| 20.03.2026 16:03:00 |
(Aktualisierung: neu: Ausblick auf weitere Entwicklungen in den
ersten Absätzen)
BRÜSSEL (dpa-AFX) - Die EU und die Ukraine stehen nach gescheiterten
Bemühungen um ein Einlenken von Ungarns Regierungschef Viktor Orban
vor Wochen der quälenden Ungewissheit. Da es Bundeskanzler Friedrich
Merz und den anderen EU-Spitzen bei einem Gipfeltreffen in Brüssel
nicht gelang, Orban zur Aufgabe seiner Blockade von
milliardenschweren Finanzhilfen für die Ukraine zu bewegen, müssen
sie nun darauf hoffen, dass der Rechtspopulist bei der ungarischen
Parlamentswahl am 12. April verliert und dann abtreten muss.
Bleibt Orban im Amt, könnten schwierige Verhandlungen über
Alternativen zum aktuellen Finanzierungskonzept für das geplante
Ukraine-Unterstützungsdarlehen in Höhe von bis zu 90 Milliarden Euro
notwendig werden. Das Geld soll den dringendsten Finanzbedarf der
Ukraine bis Ende 2027 decken und dem Land eine Fortsetzung seines
Abwehrkampfes gegen Russland ermöglichen.
Nach aktuellen Plänen soll das Darlehen über gemeinsame EU-Anleihen
am Kapitalmarkt finanziert und durch Spielräume im langfristigen
EU-Haushalt abgesichert werden. Dafür ist jedoch die Zustimmung
Ungarns nötig - die Orban trotz einer Zusage vom Dezember bislang
verweigert.
Merz: Werden Orbans Kurs nicht hinnehmen
Merz sprach in der Nacht zum Freitag nach dem Gipfel von einem "Akt
grober Illoyalität" Orbans und prognostizierte, dass dessen Agieren
werde tiefe Spuren hinterlassen und Konsequenzen haben, die weit
über dieses einzelne Ereignis hinausreichen. Konkret nannte der
CDU-Politiker die Verhandlungen über den nächsten langfristigen
EU-Haushalt. Bei ihnen könnten EU-Gelder an Ungarn gekürzt oder die
Vergabe an noch strengere Bedingungen geknüpft werden.
"Wir sind uns einig, dass wir das, was heute geschehen ist im
Europäischen Rat, so nicht hinnehmen", sagte Merz. Er spielte damit
darauf an, dass Orban dem Unterstützungsdarlehen für die Ukraine
beim Dezembergipfel eigentlich schon zugestimmt hatte.
Orban will russisches Öl
Das Veto gegen einen notwendigen Beschluss für die Umsetzung legte
Orban erst nach einer Unterbrechung von russischen Öllieferungen
über die Druschba-Pipeline ein. Mitten im ungarischen Wahlkampf
wirft er der Ukraine vor, eine Wiederaufnahme des Betriebs der
Leitung aus politischen Gründen zu verhindern. Orban will seine
Blockade erst aufgeben, wenn wieder russisches Öl nach Ungarn
fließt.
Die Ukraine weist die Vorwürfe zurück und betont, die Pipeline sei
wegen der Auswirkungen russischer Luftangriffe derzeit nicht
nutzbar. Für notwendige Reparaturen veranschlagte sie zuletzt noch
etwa eineinhalb Monate Zeit.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Donnerstag in
seiner Videoschalte mit den Staats- und Regierungschefs der
EU-Staaten, die Ukraine tue, was nötig sei, um das Darlehen zu
bekommen - auch mit Blick auf die Reparatur der Pipeline. Zugleich
warnte er die EU, dass eine Fortsetzung der russischen Ölimporte dem
Aggressor helfe.
Klarheit über den genauen Zustand der Pipeline, die von Russland
über Belarus und die Ukraine nach Ungarn und in die Slowakei führt,
soll nun eine unabhängige Mission mit EU-Experten bringen. Ob deren
Ergebnisse wirklich zu Zugeständnissen Orbans führen können, ist
allerdings unklar. Denn in seiner Heimat kämpft er mit einer
Anti-Ukraine-Kampagne um seine Wiederwahl und schürt dabei Angst
davor, dass Ungarn in den Krieg gezogen werden könnte.
Umfragen zu den Parlamentswahlen in Ungarn sahen Orbans Partei
zuletzt hinter der seines Herausforderers Péter Magyar. Sollte
Magyar die Wahl gewinnen, könnte es Orbans letzter regulärer Gipfel
gewesen sein. Derzeit ist er der dienstälteste Staats- und
Regierungschef im Europäischen Rat. Der Rechtspopulist ist bereits
seit 2010 durchgängig im Amt.
Orban schrieb am Freitag auf X: "Wir haben die erste Schlacht in
Brüssel gewonnen. Aber sie warten auf eine Veränderung in Ungarn am
12. April. Die echte Entscheidung wird dann getroffen: ob Ungarn
seine Position hält oder nachgibt."
Braucht es eine Notfall-Lösung?
Über konkrete Optionen für den Fall einer anhaltenden Blockade
Ungarns auch nach der Parlamentswahl wollte nach dem Gipfel zunächst
niemand öffentlich reden. Denkbar ist, dass Deutschland und andere
EU-Staaten im Fall der Fälle nach anderen Möglichkeiten suchen, die
notwendigen Sicherheiten für das geplante Darlehen für die Ukraine
bereitzustellen.
Forderungen nach einem Entzug der ungarischen Stimmrechte in der EU
spielten beim Gipfel keine große Rolle. Grund ist, dass Orban sich
derzeit relativ sicher sein kann, dass zumindest der slowakische
Ministerpräsident Robert Fico dagegen ein Veto einlegen würde.
Die Slowakei ist wie Ungarn noch immer Abnehmer von russischem Öl
und leidet ebenfalls unter dem Ausfall der Lieferungen über die
Druschba-Pipeline. Seit längerem schon blockieren beide Länder eine
Entscheidung über ein 20. Paket mit EU-Russland-Sanktionen. Beim
Gipfel verhinderten sie eine Erklärung aller EU-Staaten zum
Ukraine-Krieg./aha/DP/stk
AXC0200 2026-03-20/16:03
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Autor: - dpa-AFX
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