| ROUNDUP: Wie der Iran-Krieg immer mehr Firmen und Verbraucher erfasst |
| 21.03.2026 09:16:00 |
Der Krieg im Nahen Osten ist Tausende Kilometer
von Deutschland entfernt und hat doch längst Firmen und Verbraucher
erreicht. Nicht nur an Tankstellen spüren die Menschen den
Ölpreisschock, er droht sich über höhere Energie- und
Transportkosten tief in viele Lebensbereiche und Branchen zu
fressen. Ökonomen rechnen mit einer deutlich anziehenden Inflation
und einem Dämpfer für die ohnehin anfällige Konjunkturerholung in
Deutschland, vor allem sollten die Kämpfe lange andauern. Ein
Überblick, wie der Krieg immer mehr die Wirtschaft trifft und was
auf Verbraucher zukommt.
Lebensmittel
Forscher befürchten, dass der Krieg die Lebensmittelpreise hoch
treibt. Handelsexperte Carsten Kortum rechnet vor allem bei
energieintensiven Produkten wie Backwaren, Milchprodukten sowie
verarbeiteten Lebensmitteln wie Tiefkühlkost oder Getränken mit
steigenden Preisen. Auch Produkte mit langen Lieferwegen wie Fisch
oder Obst könnten wegen höherer Logistik- und Beschaffungskosten
teurer werden, sagte der Professor an der Dualen Hochschule
Baden-Württemberg Heilbronn. "Zunächst sind einzelne Spezialitäten
sowie Obst und Gemüse betroffen, mittelfristig zieht der Preisdruck
jedoch durch weite Teile des Lebensmittelkorbs."
Laut Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist
die Lage bei Getreide, Mais, Soja und Reis besonders kritisch -
wegen hoher Düngemittelpreise. "Hier sind Preissteigerungen
wahrscheinlich", sagte die Ökonomin. Da Soja und Mais auch als
Futtermittel verwendet werden, könne auch Fleisch teurer werden.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie erwartet
ebenfalls Folgen für die Preise. Die Kosten für Produktion und
Auslieferung an den Lebensmittelhandel nähmen deutlich zu, sagte
Geschäftsführer Olivier Kölsch. Holger Eichele vom Deutschen
Brauer-Bund erklärte, dass steigende Energie- und Rohstoffpreise zu
höheren Produktionskosten in der Getränkebranche führen könnten.
Branchenexperte Kai Hudetz vom IFH Köln erwartet, dass der Handel
Zusatzkosten mindestens teilweise an Verbraucher weiterreichen wird.
Autofahrer
Sie trifft es spürbar: Superbenzin war zuletzt mehr als 25 Cent je
Liter teurer als vor Kriegsbeginn, Diesel um mehr als 40 Cent.
Sollten die Preise auf dem aktuellen Niveau bleiben, würde das -
grob auf typische Verbräuche und Jahresfahrleistungen hochgerechnet
- einen Dieselfahrer pro Monat mit etwa 40 Euro zusätzlich belasten
und den Fahrer eines Benziners mit rund 20 Euro.
Landwirtschaft
Die Bauern klagen über steigende Preise für Dünger und Sprit.
"Gerade jetzt für die Frühjahrsbestellung sind die sprunghaften
Preissteigerungen beim Diesel besonders schmerzhaft, auch die Preise
für Dünger schießen nach oben", sagte Bauernpräsident Joachim
Rukwied kürzlich. Von März bis Juni werde bis zu einem Drittel des
Jahresverbrauches an Diesel benötigt.
Grund für steigende Düngerpreise sind verzögerte Lieferungen von
Ammoniak, weil davon rund ein Fünftel des Welthandels durch die
gesperrte Straße von Hormus läuft. Noch gebe es aber keine Probleme
bei der Versorgung der Landwirtschaft mit Mineraldüngern, erklärte
der Industrieverband Agrar. "Bislang sind erste Auswirkungen auf die
Preisentwicklung zwar spürbar, aber von Preisspitzen wie nach
Russlands Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren ist der Markt
noch weit entfernt."
Luftverkehr
Lufthansa -Chef Carsten Spohr hat die Drehkreuze am
Persischen Golf als Achillesferse des internationalen Luftverkehrs
bezeichnet. Tatsächlich haben die iranischen Angriffe dazu geführt,
dass sich die Passagierströme zwischen Asien und Europa komplett
verschoben haben. In der Folge sind die Preise auf den sicheren
Direktverbindungen ohne Umstieg in den Emiraten stark gestiegen. Die
Kapazitäten der Golf-Airlines fehlen auch im weltweiten
Luftfrachtsystem, sodass hier die Raten heftig anziehen.
Den höheren Kerosinpreis können Airlines für eine begrenzte Zeit
wegstecken, wenn sie über Termingeschäfte entsprechende Vorsorge
getroffen haben. Ohne dieses Hedging hat etwa die skandinavische SAS
sofort die Preise massiv angehoben und schwach
gebuchte Flüge gestrichen. Das IW rechnet allgemein mit Mehrkosten
für Passagiere. Flugreisen dürften sich infolge der höheren
Kerosinpreise verteuern, sagt Ökonomin Sultan.
Stahl
Die energieintensive Stahlindustrie ist in Sorge. "Ein dauerhaft
höherer Gaspreis hätte Auswirkungen auf die Produktionskosten, weil
Erdgas an vielen Stellen in der Produktion eingesetzt wird", sagt
eine Sprecherin vom Thyssenkrupp Steel, Deutschlands
größtem Stahlkonzern. Gas komme etwa beim Beheizen von Öfen zum
Einsatz oder als Grundlage für technische Gase.
Öl dagegen spiele im Energiemix des Konzerns eine untergeordnete
Rolle. "Indirekte Auswirkungen können sich - wie in der gesamten
Industrie - vor allem über die Verteuerung allgemeiner
Energiepreise, Transportkosten und Vorprodukte ergeben", erklärt die
Sprecherin. Aber: "Sollten höhere Energiepreise die wirtschaftliche
Entwicklung belasten, könnte sich das perspektivisch auch auf die
Nachfrage unserer Kunden auswirken."
Seine Rohstoff- oder Logistikströme sieht Thyssenkrupp Steel indes
nicht beeinträchtigt, da der Konzern die Straße von Hormus
grundsätzlich nicht für Transporte nutze. Kostensteigerungen seien
dennoch nicht zu vermeiden, weil Fracht sich durch höhere
Treibstoffkosten verteure.
Chemie
Die Chemie, die viel Gas und Öl verbraucht, ist vom Anstieg der
Energiepreise besonders betroffen. Steigende Kosten kann die Branche
aber nicht immer an Kunden weitergeben, was ihre Margen belastet. Öl
und Gas spielen in der Chemie zudem eine zentrale Rolle als
Ausgangsstoffe etwa für Kunststoffe, Dünger, Medikamente,
Lösungsmittel und Kosmetika.
Der Iran-Krieg trübt die Aussichten für die ohnehin kriselnde
Branche, die unter teurer Energie, Überkapazitäten am Weltmarkt und
der schwachen Wirtschaft leidet. Wolfgang Große Entrup,
Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI, warnte zudem jüngst
vor Versorgungsengpässen bei Rohstoffen wie Ammoniak, Phosphat,
Helium und Schwefel, da die Straße von Hormus faktisch blockiert
ist.
Spediteure
Mit dem gestiegenen Ölpreis hat sich Diesel stark verteuert, was
Spediteure stark belastet. "Die Dieselpreisexplosion trifft die
Transportbranche in besonderer Härte, da die Kraftstoffkosten rund
ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen", sagte jüngst Dirk
Engelhardt, Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und
Entsorgung (BGL). Viele mittelständische Betriebe gerieten durch den
Anstieg des Dieselpreises an ihre Grenzen. Der BGL forderte
Soforthilfen von der Politik wie eine Dieselpreisbremse und
zinsgünstige Liquiditätshilfen.
Reedereien
Direkte Folgen hat der Krieg im Nahen Osten für die Schifffahrt. Der
Verband Deutscher Reeder (VDR) geht davon aus, dass mindestens 30
Schiffe von zehn Reedereien mit deutschem Bezug und rund 1.000
Seeleute im Persischen Golf festsitzen - etwa die Hälfte davon sind
Containerschiffe. Der Deutschen Marine zufolge sollen es mehr als 50
Schiffe sein. VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger berichtete
jüngst von Angriffen mit Drohnen und Raketen auf Handelsschiffe.
Zugleich warten viele Schiffe, die in den Golf einfahren wollen, auf
eine Passage der gesperrten Seestraße. Rund 500 Schiffe sollen es
sein, wie viele davon deutschen Reedereien angehören, ist unbekannt.
Autoindustrie
Die Branche kommt bisher glimpflich davon. Bei BMW
und Audi heißt es, dass die Lieferketten stabil seien,
beziehungsweise, es keine Beeinträchtigungen gebe. Auch der VW
-Konzern spürt derzeit keine Folgen für die
Produktion. Ähnlich sieht es bei Mercedes-Benz aus.
Eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) beschrieb
hingegen Folgen für die Lieferketten, "insbesondere im Bereich der
gestiegenen Frachtkosten und der Änderung von Transportwegen". Die
Unternehmen und der VDA beobachteten die Entwicklungen genau. Bei
Bedarf priorisierten die Unternehmen Transporte um.
Maschinenbau
Die Golfregion zählte für die Maschinenbauer zuletzt zu den wenigen
Regionen mit stabilem Exportwachstum, das nun einzubrechen droht.
Viele Projekte in den von Öl- und Gasförderung abhängigen Branchen
sind gestoppt, wie der Verband VDMA berichtet. Sollte der Konflikt
länger dauern, sei hier mit negativen Effekten zu rechnen. Vor Ort
machten den Unternehmen gestörte Lieferketten Sorgen, weil die
wichtigen Häfen Abu Dhabi und Dubai vom internationalen Verkehr
abgeschnitten seien. Verzögerungen sowie gestiegene Transport- und
Versicherungskosten seien problematisch und könnten oft nicht an
Kunden weitergereicht werden./als/DP/nas
ISIN DE0005190003 DE0008232125 DE0007100000 DE0007664039 DE0007500001
AXC0013 2026-03-21/09:16
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Autor: - dpa-AFX
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