| ROUNDUP/Rente als 'Basisabsicherung': Ostdeutsche Politiker warnen |
| 22.04.2026 13:15:00 |
Die gesetzliche Rente als "Basisabsicherung": Das
von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vertretene Konzept weckt in
Ostdeutschland Widerspruch. "Viele Menschen sind dort auf die
gesetzliche Rente existenziell angewiesen, weil ihnen oft die
Möglichkeiten zur zusätzlichen Vorsorge gefehlt haben", sagte der
thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) dem "Stern".
Bundessozialministerin Bärbel Bas (SPD) hatte schon in der
Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass in
Ostdeutschland Stand heute 75 Prozent der Menschen nur über die
gesetzliche Rente fürs Alter abgesichert sind. In Westdeutschland
sind es 52 Prozent. Generell zeigt die Statistik: Wer wenig
verdient, hat wenig Spielraum für zusätzliche Vorsorge und muss eher
auf die gesetzliche Rente zählen. Das gilt auch im Westen.
"Ausgewogener Reformmix"
Bundeskanzler Merz hatte am Montag beim Bundesverband deutscher
Banken gesagt: "Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird
allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter." Der
CDU-Chef verwies dabei auf die Notwendigkeit zusätzlicher
Altersvorsorge.
Voigt zufolge braucht es "einen sensiblen und ausgewogenen
Reformmix". Es gehe darum, die gesetzliche Rente verlässlich zu
stärken und zugleich zusätzliche Vorsorge zu eröffnen - "ohne
diejenigen zu überfordern, die dafür kaum Spielraum haben".
Löhne im Osten niedriger
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD),
argumentiert ähnlich. "Niemand darf die besondere Bedeutung der
gesetzlichen Rente für die Menschen in Ostdeutschland verkennen",
sagte sie dem "Stern". Sie verwies auf die Lohnunterschiede zwischen
Ost- und Westdeutschland. Nach offizieller Statistik verdienen
Vollzeitbeschäftigte im Westen brutto rund 17 Prozent mehr als im
Osten.
Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek vermutet bei Merz eine
Wohltat für die Versicherungswirtschaft, die private Altersvorsorge
anbietet. "Wer allerdings dafür unter die Räder gerät, sind
Millionen jetzige und zukünftige Rentner, die sich die private
Vorsorge nicht leisten können, weil sie am Ende des Monats keinen
Cent übrig und keinen ausreichenden Zugang zu Betriebsrenten haben."
Viele würden gerne mehr zurücklegen
In einer Yougov-Umfrage für den Versicherungskonzern Axa
sagten 50 Prozent von 2.044 Erwachsenen, sie wollten
mehr für den Ruhestand sparen, könnten es sich aber nicht leisten -
etwa wegen gestiegener Preise. 51 Prozent der Befragten verlassen
sich nicht ausschließlich auf die gesetzliche Rente. 35 Prozent
sagten, sie sähen die Hauptverantwortung für die Altersvorsorge beim
Staat. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen waren es 40 Prozent.
Viele würden höhere Beiträge in Kauf nehmen
Der sogenannte Sozialstaatsradar des Deutschen Gewerkschaftsbunds
mit etwa 3.000 Beteiligten zeigt, dass viele die Absicherung lieber
vom Staat organisieren lassen würden. Rund drei von vier Befragten -
selbst unter den 18- bis 29-Jährigen - wären bereit, für eine
stabile oder höhere Rentenleistung auch höhere Beiträge zu zahlen.
Die Arbeitgeber müssten diese aber zur Hälfte mitzahlen. Politisch
wurden die Weichen vor mehr als 20 Jahren anders gestellt, um die
Lohnnebenkosten zu begrenzen. Mit der Rentenreform 2004 wurde das
gesetzliche Rentenniveau von 53 auf 48 Prozent gesenkt - eine
statistische Rechengröße des Verhältnisses von Renten zum
Durchschnittsverdienst.
"Drei-Säulen-Modell" 2.0?
Seither gilt: Die gesetzliche Rente sichert allein den
Lebensstandard nicht mehr, sondern nur das "Drei-Säulen-Modell" von
gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Doch ist
die gesetzliche Rente weiter deutlich stärker als die Zusatzvorsorge
als "Ergänzungsfunktion".
Merz' Wortwahl klingt nach einer weiter schrumpfenden Rolle für das
Pflichtsystem. Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) versuchte,
den Ärger abzumoderieren. "Der Bundeskanzler hat lediglich auf etwas
hingewiesen, wozu sich die Rente in den vergangenen Jahren immer
stärker entwickelt hat", sagte er beim "Frühstart" von RTL und ntv.
"Und wenn die Lücke groß wird, dann ist es eben so, dass wir
betriebliche und private Elemente stärken müssen."
Ein Drittel wird weder Betriebs- noch Riester-Rente erhalten
Rund 62 Prozent der heutigen sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigten (im Alter von 25 bis unter 67 Jahren) werden nach
Angaben aus dem Alterssicherungsbericht 2024 des Bundesministeriums
für Arbeit und Soziales (BMAS) im Alter Anspruch auf eine Betriebs-
oder Riester-Rente haben, die restlichen 38 Prozent nicht.
Bei Geringverdienern (weniger als 1.500 Euro brutto pro Monat) haben
sogar knapp 55 Prozent keinen solchen Anspruch. Mehr als die Hälfte
von ihnen kann aber eine alternative Absicherung für das Alter
vorweisen, etwa über sonstige private Renten- oder
Lebensversicherungen oder Wohneigentum. Alle anderen aber wären
stark auf die gesetzliche Rente angewiesen.
Anspruch auf eine betriebliche Altersversorgung haben in Deutschland
rund 18,1 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (51,9
Prozent), wie aus BMAS-Zahlen für Ende 2023 hervorgeht. Gerade
Angestellte in großen Unternehmen profitieren. In Unternehmen mit
weniger als 10 Beschäftigten verfügen nur 25 Prozent der
Arbeitnehmer über eine betriebliche Altersvorsorge. Auch
Geringverdiener haben seltener eine Betriebsrente.
In Deutschland gibt es zudem rund 15,5 Millionen Verträge zur
Riester-Rente. Allerdings sind Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad
oder mit Phasen von Arbeitslosigkeit seltener
Riester-Sparer./vsr/DP/nas
ISIN FR0000120628
AXC0191 2026-04-22/13:15
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Autor: - dpa-AFX
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