| ROUNDUP: Scharfer Gegenwind für Warkens Pflegereform |
| 05.06.2026 15:02:00 |
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU)
bekommt bei der Finanzreform für die Pflege scharfen Gegenwind -
auch aus der eigenen schwarz-roten Koalition. Für die weiteren
Beratungen meldeten vor allem Vertreter von SPD und CSU aus Bund und
Ländern Korrekturforderungen an. Auf deutlichen Widerstand stoßen
Einschnitte und stärkere Belastungen für Pflegebedürftige und
pflegende Angehörige. Die Kommunen protestieren gegen drohende
Mehrkosten, wenn mehr Betroffene in Sozialhilfe rutschen. Die Spitze
der Unionsfraktion stärkt Warken bei den Milliardeneinsparungen den
Rücken.
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD)
warnte, eine Reform, die dazu führe, dass Pflege unbezahlbar werde,
sei keine Reform. "Wir lehnen diese Vorschläge ab, weil sie die
Pflegebedürftigen und ihre Familien stärker belasten und die
Pflegekräfte schlechter stellen", sagte sie dem Portal "Politico".
Sie halte es zudem für "einen schweren Fehler, dass die
Bundesgesundheitsministerin wie schon bei der Gesundheitsreform
einen nicht mit den Ländern abgestimmten Gesetzentwurf auf den Weg
bringt".
Städtetags-Präsident "erschüttert und wütend"
Der CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Klaus Holetschek,
sagte dem "Münchner Merkur" und der "Augsburger Allgemeinen", wer
pflegende Angehörige stärken wolle, dürfe nicht Kürzungen ihrer
Renten in Kauf nehmen. "Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen,
die unser Pflegesystem Tag für Tag am Laufen halten." Wenn
Entlastungen bei Heimkosten später griffen, landeten die Mehrkosten
am Ende bei Kommunen und Pflegebedürftigen.
Laut Entwurf ergeben sich für Länder und Gemeinden bei der
Sozialhilfe (Hilfe zur Pflege) im nächsten Jahr Mehrausgaben von
einer Milliarde Euro. "Ich bin erschüttert und wütend", sagte der
Präsident des Deutschen Städtetags, der Leipziger Oberbürgermeister
Burkhard Jung (SPD), der Deutschen Presse-Agentur. "Ältere Menschen
dem Sozialamt zu überlassen, ist respektlos."
Warken hat einen Entwurf mit Ausgabenbremsen und zusätzlichen
Einnahmen vorgelegt, um allgemeine Beitragserhöhungen zu vermeiden.
Hintergrund ist, dass sich die Finanzkrise zuspitzt. So wird für
2027 ein Defizit von 7,6 Milliarden Euro erwartet. Unter anderem
soll der Pflegebeitrag für Kinderlose von 4,2 auf 4,3 Prozent
steigen. Die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern soll
eingeschränkt werden. Voraussetzungen für Einstufungen in
Pflegegrade sollen strenger werden. Besonders in der Kritik stehen
zwei Sparmaßnahmen:
Eigenanteile für die Pflege im Heim
Seit Jahren fordern Patientenvertreter und Sozialverbände Entlastung
von immer höheren Zahlungen aus eigener Tasche. Eine "Begrenzung der
pflegebedingten Eigenanteile" steht auch im Koalitionsvertrag. Denn
die Pflegeversicherung trägt, anders als die gesetzliche
Krankenversicherung, nur einen Teil der Kosten. Der Ausgangswert für
den Eigenanteil nur für die reine Pflege stieg zuletzt im
Bundesschnitt auf 1.982 Euro im Monat - das waren nach Daten des
Verbands der Ersatzkassen 222 Euro mehr als Anfang 2025. Dazu kommen
im Heim noch weitere Kosten etwa für Unterkunft und Verpflegung
Für die konkrete Zahlung kommt es auf die Aufenthaltsdauer im Heim
an. Denn die Pflegekassen zahlen Zuschläge, die den Eigenanteil nur
für die reine Pflege drücken: im ersten Jahr um 15 Prozent, im
zweiten um 30 Prozent, im dritten um 50 Prozent, ab dem vierten Jahr
um 75 Prozent. Die Spannen zur höheren Stufe sollen nun aber jeweils
von 12 auf 18 Monate verlängert werden - das würde die Entlastung
schmälern. Laut Entwurf würden die Pflegekassen so im nächsten Jahr
2,6 Milliarden Euro sparen, die nicht bei Pflegebedürftigen
ankommen.
Rentenansprüche für pflegende Angehörige
Die Pflegekassen zahlen unter bestimmten Voraussetzungen
Rentenbeiträge für Menschen, die Angehörige pflegen - aktuell bis zu
einer Summe von etwa 740 Euro im Monat. Geplant ist nun, dass ab 1.
Januar 2027 nur noch 70 Prozent der entsprechenden Beträge gezahlt
werden sollen. Die Begrenzung der Zahlungen für diese
versicherungsfremde Leistung sei notwendig zur Stabilisierung der
Pflegeversicherung, heißt es aus dem Ministerium.
Veranschlagt werden damit laut Entwurf 2027 Einsparungen von 1,8
Milliarden Euro. Das beeinträchtigt keine schon bestehenden
Rentenanwartschaften. Betroffen wäre aber die Bildung künftiger
Rentenansprüche, die entsprechend geringer ausfallen. Die
Verbraucherzentralen kritisierten dies als "massive Geringschätzung
vor allem von Frauen, die das Pflegesystem überhaupt am Laufen
halten", wie die Chefin des Bundesverbands, Ramona Pop, sagte.
"Weiter so kann nicht das Ziel sein"
Warken stehen schwierige Verhandlungen bevor. Der Chef der CSU im
Bundestag, Alexander Hoffmann, verteidigte sie auch gegen Kritik aus
Unions-Reihen. "Ein "Weiter so" mit endlos steigenden Beiträgen,
kann nicht das Ziel sein und würde Menschen und Wirtschaft viel mehr
belasten", sagte er der dpa. "Ein einfaches Nein zu notwendigen
Strukturreformen wie der Pflegereform reicht da nicht aus."
Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der dpa, der
größte Sparposten bestehe ausgerechnet darin, den Zugang zu
Pflegeleistungen einzuschränken. Gleichzeitig würden
Pflegebedürftige bei Eigenanteilen belastet, pflegende Angehörige
verlören soziale Absicherung, und Kommunen müssten mit mehr
Sozialhilfekosten rechnen. "Die Kosten der Pflege verschwinden
dadurch nicht - sie tauchen nur an anderer Stelle wieder auf."
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht kritisierte die Reform als
rücksichtslos gegenüber Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Sie
treffe Menschen im Osten besonders, weil diese weniger Rücklagen
hätten. Mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) drohe nun "ein Sommer der
sozialen Grausamkeiten"./sam/DP/he
AXC0140 2026-06-05/15:02
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Autor: - dpa-AFX
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